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Sonderveröffentlichung

1. Münsterländischer Vermögenstag 2017

Anleger scheuen die Börse – das kostet Geld

Aschaffenburger Wirtschaftsprofessor Webersinke rät, Hilfe von Vermögensprofis in Anspruch zu nehmen

Bei der Geldanlage an der Börse wird oft der Blick in die Glaskugel als Symbol für die Zukunftsprognose verwendet. Foto: dpa
Bei der Geldanlage an der Börse wird oft der Blick in die Glaskugel als Symbol für die Zukunftsprognose verwendet. Foto: dpa
MÜNSTER. Am deutschen Aktienmarkt erklimmt der Standardwert-Index Dax immer neue Höchststände, auch wenn er zurzeit eine kleine Verschnaufpause einlegt. Unsere Zeitung befragte den Wirtschaftsprofessor und Dekan der Wirtschaftssowie Rechtsfakultät der Fachhochschule Aschaffenburg, Hartwig Webersinke, zur Börsenperspektive.

Herr Professor Dr. Webersinke, Sie beobachten den Kapitalmarkt heute eher aus wissenschaftlicher Perspektive, früher waren Sie jahrelang Chefanalyst der BHF Bank gewesen. Hat Sie die sehr positive Entwicklung der Aktienmärkte 2017 überrascht?


Hartwig Webersinke: Nun, ein Dax-Stand von bis zu 13 500 Punkten im November war Anfang des Jahres, als der Index bei rund 11 500 Zählern notierte, in der Tat eine etwas gewagte Prognose. Wie die Dinge aber stehen, könnte der deutsche Leitindex mit den 30 umsatzstärksten deutschen Aktien bis zum Jahresende noch weiter zulegen.

Analysten sahen für Ende 2017 im Schnitt einen Dax-Stand von nur 11 600 Punkten voraus.

Webersinke: Die wenigsten Beobachter haben sich – wieder einmal – bei ihren Prognosen mit Ruhm bekleckert. Viele ließen sich wohl vom wechselhaften Jahr 2016 einschüchtern, wozu der Brexit und die Wahl Donald Trumps beigetragen haben. Leider wurde dabei die im Grunde wichtigste Tatsache übersehen.

Was meinen Sie?

Webersinke: Die wirtschaftlichen Frühindikatoren für die wichtigsten Industrie- und viele Schwellenländer haben sich seit dem Sommer 2016 immer weiter verbessert. Erstmals seit der Finanzkrise befindet sich die Weltwirtschaft in einem synchronen Aufschwung – und wenn die globalen Geschäfte gut laufen, steigen meist auch die Gewinne der Unternehmen deutlich. Das treibt die Aktienkurse, selbst bei politischen Störfeuern.

Prof. Dr. Hartwig Webersinke untersucht das Anlageverhalten wissenschaftlich.
Prof. Dr. Hartwig Webersinke untersucht das Anlageverhalten wissenschaftlich.
Bedeutet dies, dass Sie für 2018 ebenfalls optimistisch sind?

Webersinke: Im Grunde ja! Der Aktienmarkt, vor allem in Deutschland, dürfte wegen der guten Gewinnentwicklung der Unternehmen bis ins nächste Jahr hinein stark bleiben. Wenn man das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 im Dax mit den Gewinnschätzungen für 2018 multipliziert, ergibt sich sogar ein mögliches Kursziel von rund 14 500 Punkten. Aktien sind also noch immer attraktiv – auch wenn die Bäume nicht in den Himmel wachsen werden.

Nutzen deutsche Anleger diese Möglichkeiten?

Webersinke: Leider nicht! 70 Millionen Menschen hierzulande halten weder Aktien noch Aktienfonds, fast 60 Prozent wohnen zur Miete. Diese Gruppen verzeichnen seit dem Jahr 2010 laut einer Studie der Deutschen Bundesbank keinen größeren Vermögenszuwachs. Dagegen stiegen die Aktien- und Immobilienpreise kräftig, was deren Besitzer heute deutlich reicher macht.

Was könnten Privatanleger besser machen?

Webersinke: Ein Blick in die Depots von Millionären zeigt: Aktien, Immobilien und Alternative Investments, zu denen oft Firmenbeteiligungen zählen, machen 50 bis 60 Prozent von deren Vermögen aus. Privatanleger wären gut beraten, ähnliche Quoten anzustreben und verstärkt in Sachwerte anzulegen.

Was ist, wenn man sich das nicht zutraut?

Webersinke: Dann kann man sich an kompetente Finanzprofis wenden.

Ihr Institut forscht zum Thema unabhängige Vermögensverwalter. Was ist die zentrale Erkenntnis Ihrer Untersuchungen?

Webersinke: Wer sich einem Vermögensprofi auf Honorarbasis anvertraut, hat bei identischem Risiko eine realistische Chance auf höhere Renditen als ein auf sich selbst gestellter Privatanleger.

Haben Sie konkrete Zahlen?

Webersinke: Im stark schwankenden Jahr 2016 haben die Kunden von 140 befragten Vermögensverwaltungen nach Kosten eine durchschnittliche Rendite von fünf Prozent erzielt. Für 2017 gehen wir sogar von spürbar höheren Renditen aus.

Welche Gründe gibt es für diesen strukturellen Vorteil?

Webersinke: Viele unabhängige Vermögensverwalter, die alle – ähnlich wie Banken und Sparkassen – staatlich kontrolliert werden, sind hoch qualifiziert. Durch das Honorarmodell können sie individuell auf die Situation und Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen und die passende Vermögensstruktur, etwa in einem Wertpapierdepot, zusammenstellen.

Hartwig Webersinke

Hartwig Webersinke studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften in Gießen und war dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Schon seit März 1999 ist er Professor für Finanzdienstleistungen an der Fachhochschule Aschaffenburg. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte sind Finanzdienstleistungen, Asset Management sowie die Kapitalmarkt- und die Portfoliotheorie. Seit dem Jahr 2005 ist Webersinke in Aschaffenburg Dekan der Fakultät Wirtschaft und Recht. (-jst-)

Die Lösung heißt „Familienpool“

Anwalt und Notar Beckervordersandfort hilft wohlhabenden Familien, auch im Erbfall ihr Vermögen zu erhalten

Beim Vererben großer Vermögen gibt es viele Dinge zu beachten. Foto: imago
Beim Vererben großer Vermögen gibt es viele Dinge zu beachten. Foto: imago
MÜNSTER. In Deutschland werden in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich über drei Billionen Euro vererbt – mehr als jemals zuvor. Falsche Entscheidungen und mangelhafte Testamente gefährden dabei womöglich das über Generationen geschaffene Familienvermögen. Der münsterische Anwalt und Notar Dr. Ansgar Beckervordersandfort hilft vermögenden Familien, ihr Vermögen zu erhalten. Mit einem „Familienpool“ geht das besonders gut.

In den nächsten Jahren wird es einen Erbschafts-Boom geben. Falsche Weichenstellungen, sei es aus Unkenntnis oder Desinteresse, können zu katastrophalen Ergebnissen führen. Das Resultat: Testamente, die Chaos und Streit unter den Erben hinterlassen, Lebenswerke, die regelrecht geschreddert werden. Solche Fälle gibt es“, weiß Notar Dr. Beckervordersandfort, „aber immer mehr Familien erkennen, dass man Erbe und Nachfolgeplanung rechtzeitig und geschickt regeln muss.“ Die dafür notwendige Struktur, das dafür notwendige Verfahren kann der Jurist ohne allzu großen Aufwand liefern. Es heißt „Familienpool“.

Dr. Ansgar Beckervordersandfort
Dr. Ansgar Beckervordersandfort
„Familienpools haben immer zwei Facetten, eine materielle und eine menschliche“, sagt Ansgar Beckervordersandfort. Man gründet eine Gesellschaft, in die etwa Immobilien oder Wertpapierdepots eingebracht werden. „Möglich sind grundsätzlich alle Gesellschaftsformen; von der BGB-Gesellschaft bis hin zur GmbH.“ Oft stärkt der Pool den Zusammenhalt der Familie, alle Generationen haben schließlich ein gemeinsames Interesse. Das schweißt zusammen.

Einmal im Jahr trifft sich die Familie zu einer kleinen Gesellschafterversammlung. „Das kann man gut als klassischen Familientag organisieren“, erklärt Ansgar Beckervordersandfort. Inklusive Kaffee und Kuchen. „Da bekommen dann auch schon die jüngeren Familienmitglieder erklärt, was die Familie mit ihrem Vermögen macht, wer woran beteiligt ist und dass mit dem Vermögen auch eine Verantwortung verbunden ist. Die einzelnen Familienmitglieder lernen so schon früh den verantwortungsvollen Umgang mit dem Vermögen.“

Mit dem Familienpool geben sich Familien eine Art Verfassung, sie werden zu Gesellschaften, allerdings ohne allzu starres Korsett. Das Vermögen liegt wie in einem Fonds in der Gesellschaft. Die Senioren – meist die Initiatoren des Familienpools – erhalten über eine Entnahmeregelung weiterhin die gewünschten Erträge. Beckervordersandfort: „Sie müssen sich also im Alter nicht einschränken.“

Die Spezialkompetenz des münsterischen Notars und Fachanwalts liegt in der Nachfolgegestaltung für Familien mit komplexer Vermögensstruktur. „Die Werte nicht zu zersplittern, sondern sie sinnvoll zu ordnen, das ist meine Aufgabe.“ Er sieht sich als Moderator, der einerseits Regeln schafft, die andererseits nicht zu sehr einengen dürfen. „Man muss dabei mehrere Züge vorausdenken können, ein bisschen wie beim Schach.“

Am Ende ist das Ergebnis nicht nur der Erhalt des Vermögens: „Wenn ich meine Aufgabe gut mache, werden Erbschaftsstreitigkeiten weitgehend ausgeschlossen. Dann verdienen zukünftig keine Rechtsanwälte am Streit in der Familie.“ Und das, findet Ansgar Beckervordersandfort, sei ein gutes Gefühl: „Wir unterstützen lieber beim Erhalt von Werten, als an der Zerschlagung von Werten zu verdienen.“

Beckervodersandfort & Partner

„Der Computer kann nicht alles“

Margarete Kordt: Komplexe Fragen brauchen echte Beratung

Margarete Kordt Foto: kb
Margarete Kordt Foto: kb
MÜNSTER. Die Branche der computergestützten Vermögensverwaltung wächst rasant: In Deutschland sollen nach Schätzung bis zum Jahresende rund eine Milliarde Euro so investiert sein. Eine ganze Reihe von Unternehmen wie Scalable, Vaamo oder Easyfolio bietet inzwischen deutschen Kunden die Möglichkeit, sich online durch einen Computer beraten zu lassen. Etablierte Banken wie Deutsche Bank, Commerzbank oder zuletzt Ing-Diba haben den Trend aufgegriffen und bieten selbst solche Systeme oder kooperieren mit den Internet-Beratern.

Nach der Beantwortung eines Fragenkatalogs, der die persönliche Risikoneigung und die Investmentziele abklopft, wird eine dazu passende Vermögensaufteilung auf kostengünstige Fonds errechnet. Bei einigen Anbietern übernimmt dann der Computer auf Wunsch automatisch den Kauf der Produkte und die Überwachung der Wertentwicklung.

Computergestützte Beratung ist kein Allheilmittel, und Roboter ersetzen nicht die Notwendigkeit, sich selbst mit dem Thema Kapitalanlage vertraut zu machen, mahnt Margarete Kordt, Niederlassungsleiterin der Spiekermann & Co AG in Münster. „Wer einen neuen Fernseher oder ein Auto kauft, informiert sich ja auch über die technischen Merkmale und vertraut nicht einfach der Kaufempfehlung eines Onlinehändlers. Mindestens die gleiche Sorgfalt empfehle ich für die Geldanlage.“

Denn im Gegensatz zum Menschen fällt es Maschinen schwer zu bewerten, in welches Umfeld eine Marktsituation fällt. Etwa die langfristigen Probleme im Blick zu behalten, obwohl nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten die Kurse erst mal anzogen. „Wer seine Geldentscheidungen einer Maschine überlässt, sollte dies nur mit kleinen Beträgen tun.“ Bei langfristigen Sparentscheidungen für die Altersvorsorge oder größeren Summen etwa aus einer Erbschaft mache es weiter Sinn, Geld in einen menschlichen Fachspezialisten zu investieren.

Gerade am Anfang sind grundsätzliche strukturelle Entscheidungen zu treffen, etwa ob das eigene Ersparte überhaupt an der Börse richtig ist. Passt vielleicht ein Bauspar-, ein Riester-Vertrag oder eine selbst genutzte Immobilie besser zum eigenen Lebensentwurf? Computer tun sich schwer, solche umfassenden Fragen zu lösen. Ganz zu schweigen von der Interpretation von Emotionen oder dem Erkennen von Verständnisproblemen. „Aus ein paar Klicks lässt sich das nicht berechnen, hier ist der menschliche Berater klar im Vorteil, weil er die Bedürfnisse ganzheitlich wahrnehmen kann“, ist sich die münsterische Vermögensverwalterin sicher.

Auf dem 1. Münsterländischen Vermögenstag erklären die Psychologin Monika Müller und die Vermögensverwalterin Margarete Kordt in ihrem Vortrag, wie man als Anleger das persönliche Risikoprofil ermittelt und daraus die eigene Vermögensstrategie ableitet.