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Sonderveröffentlichung

Diagnose Schmerz

„Mit den Händen zu begreifen“

Therapie des myofaszialen Schmerzsyndroms besteht in der exakten Behandlung der Triggerpunkte

Schmerzpunkte in Muskeln und Faszien sollen für 80 bis 90 Prozent der akuten und chronischen Schmerzen verantwortlich sein. Foto: Müller-Ehrenberg
Schmerzpunkte in Muskeln und Faszien sollen für 80 bis 90 Prozent der akuten und chronischen Schmerzen verantwortlich sein. Foto: Müller-Ehrenberg
Schmerzhafte Muskeln und Faszien sowie deren Triggerpunkte („Schmerzauslöser-Punkt“) werden in der Schmerzmedizin und den angrenzenden Fachbereichen heute selbstverständlich behandelt. „Wenn ich vor zehn Jahren zu diesem Thema auf Kongressen einen Vortrag hielt, wurde ich meist belächelt“, so Dr. Hannes Müller-Ehrenberg, Vorstandsmitglied der Medizinischen Gesellschaft für Myofasziale Schmerzen. „Heute ist der Begriff Triggerpunkt in vielen Fachartikeln- und Vorträgen gegenwärtig“, so Müller-Ehrenberg weiter.

Diese Schmerzpunkte in Faszien und Muskeln sollen für circa 80 bis 90 Prozent der akuten und chronischen Schmerzen ursächlich oder an diesen beteiligt sein, selbst wenn der Schmerz nicht im „myofaszialen Gewebe“, sondern zum Beispiel in Gelenken, wahrgenommen wird. Durch die Entdeckung verschiedener Schmerzrezeptoren und lokaler Schmerzreaktionen in Muskeln und Faszien ist in der schulmedizinischen Forschung die Erkenntnis etabliert, dass myofasziale Triggerpunkte (MTrP) ein bedeutender „Schmerzverursacher“ sind.

„In der Ärzteschaft verbreitet sich diese Erkenntnis erst langsam, da die Untersuchung und Beurteilung von Muskulatur und Faszien in der medizinischen Ausbildung zu wenig beachtet und geübt wird. Das ist erstaunlich und bedenkenswert, da die Muskeln und Faszien immerhin rund 40 Prozent der Körpermasse ausmachen“, weiß der Mediziner.

Ein weiterer Grund besteht in der Tatsache, dass die Standardverfahren der Bildgebung (Röntgen, MRT, Sonografie) Muskel- und Fasziengewebe nicht ausreichend gut darstellen. Tatsächlich haben aber viele klinische Studien der vergangenen Jahre die Beteiligung von myofaszialen Triggerpunkten an den unterschiedlichsten Schmerzarten belegt. „Die routinemäßige Diagnostik bei Schmerzen sollte auch die Untersuchung von Muskeln und Faszien beinhalten“, so der renommierte Schmerzforscher Professor Siegfried Mense aus Heidelberg.

Dies gilt umso mehr, da nicht nur Schmerzen des Bewegungsapparates sondern auch Schmerzphänomene wie eine Ausstrahlung oder störende Missempfindungen, die oft als Nervenschmerz empfunden werden, typischerweise von MTrPs verursacht werden.

Stark vereinfacht sind derartige Triggerpunkte kleine Vernarbungen mit Verkürzung und Funktionsstörungen der angrenzenden Strukturen sowie einer Schmerzhaftigkeit, die auch in entferntere Regionen und Gelenke ausstrahlen kann. Eine exakte Diagnostik kann in vielen Fällen die Beschwerden reproduzieren und der Patient „erkennt seinen Schmerz wieder. Die Schmerzursache ist mit den Händen zu greifen“, so Müller-Ehrenberg, Orthopäde und Seniorinstruktor der Medizinischen Gesellschaft für Myofasziale Schmerzen und Interessengemeinschaft für Myofasziale Triggerpunkt-Therapie aus Münster.

Die Therapie dieses sogenannten myofaszialen Schmerzsyndromes besteht in der exakten Behandlung der myofaszialen Triggerpunkte. Hierzu sind spezielle Muskelenergietechniken und Kompressionsverfahren sowie Nadelungs-Therapien (Infiltrationen, Akupunktur) und die fokussierte Stoßwelle sehr gut geeignet.

Die Kenntnis von myofaszialen Schmerzen erlaubt eine interdisziplinäre Betrachtung der Beschwerden des Patienten. So kommt es, dass etwa bei Gesichts- oder Zahnschmerzen oder bei Beschwerden in der Brust- oder Beckenregion häufig eine gezielte Triggerpunkt-Therapie erfolgreich ist.

Paracetamol in der Schwangerschaft?

Bei starken Schmerzen bedingt erlaubt

Foto: imago
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Hat eine Schwangere starke Schmerzen, darf sie das Schmerzmittel Paracetamol einnehmen. Das erklärt Professor Christof Schaefer, der sich an der Charité in Berlin mit den Auswirkungen von Medikamenten auf ungeborene Kinder beschäftigt: „Schwangere dürfen bis zu drei Mal ein Gramm pro Tag nehmen.“

Er betont aber auch, dass Paracetamol-Tabletten keine Bonbons sind, die Schwangere über Wochen einnehmen sollten. „Wer damit aber ein paar Tage lang einen starken Kopfschmerz behandelt, muss sich nach derzeitigem Kenntnisstand keine Sorgen um das ungeborene Kind machen.“

Im ersten und zweiten Schwangerschaftsdrittel zählen auch Schmerztabletten mit dem Wirkstoff Ibuprofen zur ersten Wahl – in der üblichen Dosierung. „Ab der 28. Schwangerschaftswoche kann Ibuprofen aber in den kindlichen Kreislauf eingreifen oder die Nierenfunktion des Fötus‘ beeinträchtigen.“

Wenn es der Mutter in der Schwangerschaft halbwegs gut geht, tut das schließlich auch dem Kind gut. Eine Frau, die erheblich unter Schmerzen leidet, tut damit auch dem Kind keinen Gefallen und sollte deshalb auch behandelt werden – am besten natürlich in Absprache mit ihrem Gynäkologen. „Wer dagegen Schmerzen gut kompensieren kann, der braucht auch keine Angst zu haben, dass die Schmerzen dem Kind schaden.“ (dpa)