Startseite > Sonderthemen > Wenn die Wirbelsäule verschleißt
Sonderveröffentlichung

Diagnose Schmerz

Wenn die Wirbelsäule verschleißt

Eine Enge des Rückenmarkkanals schränkt die Lebensqualität ein

Dr. Christian Brinkmann im Gespräch mit einer Patientin. Foto: St.-Josef-Stift
Dr. Christian Brinkmann im Gespräch mit einer Patientin. Foto: St.-Josef-Stift
Die Menschen erreichen ein immer höheres Lebensalter, doch Knochen und Gelenke zeigen meist ab dem mittleren Lebensalter erste Verschleißerscheinungen. Davon ist auch die Wirbelsäule nicht ausgenommen. Das typische Krankheitsbild ist die Enge des Rückenmarkkanals (Spinalkanalstenose), die die Lebensqualität und Mobilität arg einschränken kann.

„Häufig zeigt sich eine Enge des Rückenmarkkanals nicht unbedingt in Rückenschmerzen, sondern auch in Beschwerden in den Beinen, die von den Betroffenen oft nicht mit der Wirbelsäule in Verbindung gebracht werden“, erläutert Dr. Christian Brinkmann, Chefarzt der Klinik für Wirbelsäulenchirurgie im St. Josef-Stift Sendenhorst. Ist die Lendenwirbelsäule von einer Spinalkanalenge betroffen, zeige sich dies in immer kürzer werdenden Gehstrecken und Stehzeiten, Schweregefühl und in die Beine ausstrahlende Schmerzen, Gefühlsstörungen bis hin zu Lähmungserscheinungen. Viele Betroffene könnten erstaunlich ausdauernd Rad fahren, da die vornüber gebeugte Haltung den Rückenmarkkanal leicht öffne und die Betroffenen so eine Entlastung verspürten.

Bei einer Spinalkanalstenose in der Halswirbelsäule seien typische Symptome Kopf- oder Nackenschmerzen, ausstrahlende Armschmerzen und eine zunehmende Gangunsicherheit.

Die Bandscheiben wirken wie ein Puffer, der tagsüber Wasser abgibt und nachts im Liegen wieder Wasser aufnimmt. Wenn die Bandscheibe im Laufe des Lebens an Elastizität verliert und dieser Mechanismus nicht mehr so gut funktioniert, kann die Bandscheibe an Höhe verlieren, so dass es zu einer stärkeren Belastung und damit zu einem Verschleiß (Arthrose) der kleinen Wirbelgelenke kommen kann. Häufig trete das zwischen dem 50. und 80. Lebensjahr auf, so Brinkmann.

In der Konsequenz versuche der Körper, durch Knochenneubildung das Gelenk zu stabilisieren. Im günstigsten Falle wüchsen diese Verknöcherungen nach außen, im ungünstigen Fall auch nach innen in den Rückenmarkkanal, wo sie auf die Nervenbahnen drücken. Besonders oft betroffen seien die stark beanspruchte Halswirbelsäule und die Lendenwirbelsäule.

Eine weitere Ursache kann die Instabilität von Wirbelkörpern sein. Anlagebedingtes Wirbelgleiten kann beispielsweise schon in jungen Jahren zu einer Verengung des Wirbelkanals führen.

Jede Diagnostik, so Brinkmann, beginnt mit einem intensiven Patientengespräch: „Wir behandeln keine Röntgenbilder, sondern Menschen.“ Die bildgebende Diagnostik muss zu dem passen, was der Patient empfindet und wie er beeinträchtigt ist – nicht umgekehrt.

Im zweiten Schritt folgt eine gründliche körperliche Untersuchung. Häufig zeigten sich Einschränkungen beispielsweise bei der Beweglichkeit der Füße, die der Patient oft nicht für wichtig erachtet oder sich damit abgefunden hat. Für den Mediziner geben solche neurologischen Ausfälle wichtige Hinweise, die die Diagnostik untermauern.

Erst im dritten Schritt werden Aufnahmen bildgebender Untersuchungsverfahren hinzugezogen. Eine Kernspintomographie (oder Magnetresonanztomographie / MRT) gehört zur Basisdiagnostik und ist das Mittel der Wahl. Im Kernspin werden alle weichen Strukturen wie Bandscheiben, Bänder und Nerven sichtbar. Alternativ kann eine Computertomographie (CT), die knöcherne Strukturen brillant darstellt, eingesetzt werden. Untermauert werden kann die Diagnostik mit Kontrastmitteluntersuchungen.

Mit oder ohne Stabilisierung

Wie sich die Wirbelkanalstenose behandeln lässt

Wer unter den Folgen einer Spinalkanalstenose leidet, kommt um eine Operation kaum herum. „Alles was knöchern in den Rückenmarkkanal einwächst, kann nur mechanisch-operativ entfernt werden“, sagt Dr. Christian Brinkmann, Chefarzt der Klinik für Wirbelsäulenchirurgie im St. Josef Stift. Neben der eindeutigen Diagnostik nennt er einen weiteren wichtigen Aspekt bei der Entscheidung für einen operativen Eingriff: „Das Vertrauen und das eigene Bauchgefühl sind wichtig. Zwischen Patient und Arzt muss es gut funktionieren.“

Mit konservativen Behandlungsmethoden wie Schmerzlinderung und Injektionen können lediglich Symptome behandelt werden; die ursächliche Enge des Spinalkanals bildet sich damit nicht zurück. Die Entscheidung für eine Operation trifft jeder Patient individuell, wenn konservative Methoden ausgeschöpft sind und die eigene Lebensqualität stark eingeschränkt ist.

Ziel einer Operation ist es, die Knochenneubildung zu entfernen und den Spinalkanal damit wieder zu erweitern. Liegt zusätzlich eine Instabilität der Wirbelsäule vor, wird diese in einer einzigen Operation direkt mit korrigiert und zwar sowohl die Versteifung mit dem Schrauben-Stab-System als auch die Versorgung mit Bandscheibenersatz.

Zur Stabilisierung werden Schrauben- und Stabsysteme aus Titan verwendet; ein Ersatz der Bandscheiben erfolgt durch Implantate überwiegend aus Titan.

Wie geht es bei Spinalkanalstenose nach einer Operation weiter? Noch am Abend des Operationstages ist eine Mobilisation des Patienten möglich. Er kann wieder sitzen und benötigt kein Korsett. Der stationäre Aufenthalt erstreckt sich auf fünf bis acht Tage. Ein ganz wesentlicher Bestandteil der Nachbehandlung ist das Erlernen rückengerechten Verhaltens für den Alltag sowie muskelkräftigender Übungen.

Und nach einer Operation mit zusätzlicher Stabilisierung? Nach einem solchen Eingriff ist ein Tag Bettruhe erforderlich. Patienten tragen nach der Operation für drei Monate ein Korsett, das die Wirbelsäule schützt und rückengerechtes Verhalten unterstützt. In Abhängigkeit davon, welches Segment der Wirbelsäule operiert wurde, ist normales Sitzen nach sechs Tagen beziehungsweise sechs Wochen wieder möglich.

Zur Nachbehandlung gehört Physiotherapie, in der die Patienten Übungen erlernen, die sie später selbst weiterführen. Nach dem stationären Aufenthalt von sieben bis zwölf Tagen ist nach einem weiteren Vierteljahr auf Wunsch eine Reha möglich.
Schmerztherapiezentrum Münster