Sonderveröffentlichung

Apps und Programme nur als Ergänzung zu professionell begleiteten Angeboten

Psychotherapie digital – funktioniert das?

Wer sich schämt, wegen psychischer Probleme zu einem Therapeuten zu gehen, für den können digitale Programme oder Videochats die Hemmschwelle womöglich entscheidend senken. Foto: dpa

17.11.2020

Von Stressabbau bis zur Hilfe bei ernsthaften Erkrankungen wie Angststörungen: Der Markt an Apps und Online-Angeboten rund um die psychische Gesundheit wächst. Nutzer fragen sich da: Welche Anwendungen sind gut und verlässlich?

Zunächst kommt es darauf an, von welchem Angebot die Rede ist: Es gibt Anwendungen zur Förderung der seelischen Gesundheit – die also Menschen dabei helfen sollen, psychisch im Gleichgewicht zu bleiben. Dann gibt es Programme, die Informationen zu bestimmten Erkrankungen vermitteln sowie Anwendungen zur Selbsthilfe. Schließlich gibt es internetbasierte Interventionen, die an der kognitiven Verhaltenstherapie ausgerichtet sind.

Mittlerweile seien für eine Vielzahl psychischer Störungen Programme entwickelt worden, die meisten für die Behandlung von Depressionen und Angststörungen, sagt Iris Hauth, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Alexianer Münster GmbH

■ Therapeutische Anwendungen müssen geprüft sein: Solche digitalen Interventionen müssten bestimmte Qualitätskriterien erfüllen, ihre Wirksamkeit müsse nachgewiesen sein, betont die Expertin.

Ihre Fachgesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren an der Entwicklung von Kriterien für derartige Angebote beteiligt. Der Markt für solche Angebote wachse, beobachtet Hauth – und er müsse strukturiert werden. Denn er sei für Laien und Fachleute gleichermaßen unübersichtlich.

■ Bundesinstitut arbeitet an Verzeichnis für Apps: Einen entsprechenden Versuch unternimmt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM. Die Behörde arbeitet an einem Verzeichnis für digitale Gesundheitsanwendungen, kurz DiGA.

Bevor Apps und Online-Programme in diesem Verzeichnis erscheinen, werden sie unter anderem auf Datenschutz, Funktionstauglichkeit und ihren tatsächlichen medizinischen Nutzen geprüft – seit Mai können Hersteller ihre Produkte einreichen.

Sind Gesundheitsapps in dem BfArM-Verzeichnis gelistet, können Ärzte sie verschreiben und die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten. So sieht es das Digitale-Versorgung-Gesetz vor. Das sei ein wichtiger erster Schritt in Richtung Transparenz und Qualität, sagt Iris Hauth.

Allerdings sagt die Ärztliche Direktorin und Chefärztin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Weißensee auch: Entscheidend seien die Kriterien, die über Wirksamkeit und Patientensicherheit einer App entscheiden. Und diese seien noch nicht klar festgelegt.

■ Nicht alles kommt von Fachleuten: Im Idealfall schützt das Register Betroffene vor Programmen, die ihren Zustand eher verschlechtern statt verbessern. „Es gibt einige Anwendun seien die Kriterien, die über Wirksamkeit und Patientensicherheit einer App entscheiden. Und diese seien noch nicht klar festgelegt.

■ Nicht alles kommt von Fachleuten: Im Idealfall schützt das Register Betroffene vor Programmen, die ihren Zustand eher verschlechtern statt verbessern. „Es gibt einige Anwendun gen, die eindeutig nicht von Fachleuten gemacht wurden“, erklärt Professor Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe.

Prinzipiell raten Fachleute eher zu professionell begleitenden Angeboten. Denn Studien zeigten, dass die im Vergleich am wirksamsten seien und auch die geringste Abbruchrate haben.

■ Zuerst kommt die Diagnose: Wer psychische Probleme hat, sollte also immer einen Psychiater oder Psychotherapeuten konsultieren. Denn eine Diagnostik ersetzten die Anwendungen nicht, sagt Iris Hauth. „Diese sollte im persönlichen Gespräch oder zumindest per Videochat erfolgen.“ Erst wenn die Diagnose feststehe, könne man Patienten ein passendes Online-Angebot zur Unterstützung vorschlagen.

Aus diesem Grund sieht Ulrich Hegerl unbegleitete Angebote bei schweren psychischen Erkrankungen kritisch. „Wenn jemand, der eine schwere Depression hat, denkt, er könne sich dadurch selber helfen – das kann schlimmstenfalls lebensgefährlich sein, wenn sich etwa suizidale Krisen entwickeln und die Anwendung das nicht erkennt.“

■ Für wen die Angebote taugen – und für wen nicht: Natürlich setzen digitale Angebote eine gewisse Affinität zum Internet voraus – insofern sind sie nicht für jeden etwas. Zumal etwa Menschen, die sozial isoliert leben, besonders auf einen persönlichen Kontakt zum Therapeuten angewiesen sind.

Es gibt aber auch anders gelagerte Fälle. Wer sich schämt, zu einem Therapeuten zu gehen, oder Angst davor hat, für den könnten E-Mental-Health-Anwendungen oder Video-Chats die Hemmschwelle entscheidend senken, erläutert Iris Hauth. Auch wer beruflich viel unterwegs ist oder an seinem Wohnort schlecht mit Fachpraxen versorgt ist, könnte davon profitieren. (dpa)

Psychische Selbsthilfe in Corona-Zeiten

Schwere Erkrankung: Eine Depression ist mehr als eine Befindlichkeitsstörung. Foto: dpa
Schwere Erkrankung: Eine Depression ist mehr als eine Befindlichkeitsstörung. Foto: dpa

Kontaktbeschränkungen, berufliche Sorgen, Urlaub gestrichen: Die Auswirkungen der Corona-Krise können Menschen psychisch belasten. Möglicherweise möchte man auch eine Therapie beginnen – ohne dabei mit Anderen persönlichen Kontakt zu haben.

Die Fachgesellschaft DGPPN hat eine Übersicht mit möglicherweise hilfreichen Angeboten erstellt. Darunter sind Selbsthilfeprogramme, Informationsportale sowie kostenlose Hotlines für Beratungen am Telefon. Bessern sich die Probleme nicht, oder hat man das Gefühl, tatsächlich psychisch erkrankt zu sein, sollte man sich aber stets fachlichen Rat einholen und eine Diagnose erstellen lassen. (dpa)

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Don Bosco Klinik in Münster ist spezialisiert auf Kinder- und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen

Lachen, toben, zanken, erstes Verliebtsein, erste Trennung, Freundschaften und Familie – das Kindes- und Jugendalter ist im Idealfall unbeschwert und für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen einer der wichtigsten Abschnitte. Doch nicht immer verläuft die Phase des Heranwachsens ohne Komplikationen: Verluste, Ängste oder Süchte können junge Menschen ebenso beeinflussen wie Erwachsene, oft sogar schwerwiegender und nachhaltiger. Jedes zehnte Kind ist heute psychisch krank, sogar jedes fünfte psychisch auffällig. Mit der Don Bosco Klinik und Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie hat die Alexianer Münster GmbH ihr psychiatrisches Angebot auch für junge Menschen ausgebaut.

Individuelle Therapiekonzepte, kompetente Betreuung, ein familiäres Umfeld sind nur drei der Bausteine, auf denen das Angebot der Alexianer basiert. Der wichtigste Aspekt: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und auch nicht so zu therapieren! Adoleszenzkrisen, Depressionen, Süchte und Ängste sind die häufigsten Diagnosen der jungen Patienten. Je nach Schwerpunkt wird dann für sie ein Therapie- und Tagesplan zusammengestellt.

Die münsterländische Parklandschaft erlaubt, besondere Reize aus der Natur in das Therapiekonzept mit einzubauen: Für alle Altersgruppen sind Aktivitäten im Außenbereich ein fester Bestandteil ihres Tagesablaufs. Auch die Familiensituation spielt eine besondere Rolle: Eltern- und Familienarbeit wird, sofern sinnvoll, hinzugezogen. Für alle heranwachsenden Patienten, die noch schulpflichtig sind, sind im stationären Bereich eigene Schulklassen eingerichtet. Auch der Besuch von Regelschulen und berufsvorbereitenden Schulen ist für Patienten je nach Grad der Erkrankung vorgesehen.

Nicht zuletzt durch das attraktive und individuelle Therapieangebot ist es möglich, den jungen Patienten bei der Überwindung ihrer Krankheit zu helfen. Gesprächstherapien und Visiten werden gestützt vom Gesamtangebot auf dem Alexianer-Gelände, das auch für die Kinder und Jugendlichen ideal ist.


Auf professionelle Hilfe setzen

Eine Depression verändert das ganze Leben

Mit einer Verstimmung oder gar Befindlichkeitsstörung hat eine Depression nichts zu tun. Das sei eine Erkrankung, die das ganze Leben verändert, betont Professor Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe.

„Man erkennt sich oft selbst nicht mehr wieder“, sagt er. Gefühle könnten nicht mehr empfunden werden, für alltägliche Aufgaben wie das Aufstehen oder Zähneputzen fehle die Kraft. Bei der typischen, oft sehr schweren Depression neigten Menschen dazu, Gewicht zu verlieren, weil sie keinen Appetit mehr haben. „Sie können auch nicht einschlafen, sind permanent angespannt.“

Das Wichtigste sei, dass sich Menschen mit einer Depression professionelle Hilfe holen – hier seien auch die Angehörigen gefragt, dazu zu motivieren.

„Man muss wissen“, betont Hegerl: „Depression ist eine schwere Erkrankung. Wenn man diese Diagnose hat, lebt man im Schnitt zehn Jahre weniger.“ Es sei keine Befindlichkeitsstörung. (dpa)