Sonderveröffentlichung

Erfolgversprechende Medikamenten-Studie der Uni Münster

„Echtes Alleinstellungsmerkmal“

Fotos: dpa, UKM

27.03.2021

Mit der Entwicklung eines Impfstoffes ist der Anfang gemacht worden, ein Medikament würde Corona den Schrecken ein wenig nehmen und wäre ein weiterer Hoffnungsschimmer im Kampf gegen die Pandemie. „Der Schutz durch Impfstoffe ist nie 100-prozentig. Daher wird es auch in Zukunft immer wieder Infektionen durch SARS-CoV-2 geben, die auch schwere Verläufe haben können“, erklärt Professor Dr. Stephan Ludwig die Bedeutung eines Medikaments gegen Corona: „Solche Patienten brauchen dann keinen Impfstoff, die brauchen ein Medikament. Wir brauchen also immer zwei gleichermaßen wichtigen Strategien, um gegen eine Erregerepidemie vorzugehen: Impfstoff für die Vorbeugung und Medikamente für die Behandlung“, ergänzt der Virologe aus Münster.

An der Uni Münster arbeitet das Team von Professor Ludwig seit längerem an neuen Therapiestrategien, die sich nicht mehr gegen den Erreger selbst richten, sondern gegen Faktoren in der Zelle, die das Virus unbedingt benötigt, um sich zu vermehren. Hemmung solcher Faktoren entzieht dem Virus die Vermehrungsgrundlage in den Zellen. „Wir konnten in der Vergangenheit einen entsprechenden Wirkstoff identifizieren, der auch schon sehr erfolgreich klinische Studien der Phase 1 im Probanden durchlaufen hat und sich als sehr gut verträglich und sicher herausgestellt hat“, ist der Virologe der Uni Münster optimistisch. Seine Studien hätten außerdem gezeigt, dass der Wirkstoff nicht nur die Vermehrung von SARS-CoV-2-Viren blockiert, sondern auch eine unterdrückende Wirkung auf die Bildung entzündlicher Botenstoffe habe, die die schwere Covid-19-Erkrankung treiben. „Mit diesem doppelten Nutzen hat unser Wirkstoff ein echtes Alleinstellungsmerkmal“, so Ludwig weiter. Das Medikament befindet sich in der weiteren klinischen Entwicklung durch das Start-up Unternehmen Atriva Therapeutics GmbH. Derzeit läuft eine sogenannte Phase 2 klinische Studie, um die Effizienz des Wirkstoffs bei Covid-19 erkrankten Personen zu beweisen.
      

Professor Dr. Stephan Ludwig.
Professor Dr. Stephan Ludwig.

Die klinischen Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr haben gezeigt, dass die Covid-19-Erkrankung in mehreren Stadien verläuft, wobei nur die frühe Phase durch das Virus selbst dominiert wird. Die späte und schwere Phase der Infektion wird hingegen ausgelöst durch eine Überaktivierung des Immunsystems, das sich dann gegen den Körper selbst richtet. „Es würde hier also mehrere Medikamente benötigen, die bei den verschiedenen Phasen wirksam sind. Schwierig wäre allerdings die Entscheidung in der Klinik, wann man welches Medikament anwendet, da man den Patienten oft nicht direkt ansieht, in welcher Phase der Erkrankung sie sich befinden. Ideal wäre also ein Medikament, das sowohl das Virus blockiert als auch die überschießende Entzündungsantwort unterdrückt“, erklärt Professor Ludwig.

Ob für jede Mutante ein eigenes Medikament benötigt wird, könne man so nicht generell beantworten. Im Moment seien die verwendeten Medikamente gegen die derzeit zirkulierenden Mutanten noch wirksam. Allerdings gebe es immer noch das Problem, dass sich virale Erreger dem Angriff durch Medikamente, die das Virus direkt angreifen, durch neue Mutationen entziehen können und somit resistent werden. „Daher ist es auch so wichtig, auf neue Strategien wie die Blockierung zellulärer Faktoren zu setzen. Hier gelingt es dem Erreger nicht, durch einfaches Mutieren die fehlende zelluläre Funktion zu ersetzen. Somit beugt man Resistenzen vor“, erklärt der Virologe.

Derzeit ist in einigen Ländern Remdesivir als Medikament zugelassen, das allerdings nur in den frühen Phasen der Infektionen gut wirkt und schwere Erkrankungen beziehungsweise Todesfälle nicht verhindern kann. Sehr gut wirksam sind laut Professor Stephan Ludwig die sogenannten Antikörper-Medikamente, die allerdings auch hauptsächlich in der frühen Virus-dominierten Phase wirken. Schwere Erkrankungen werden zumeist symptomatisch behandelt. Hier habe das Medikament Dexamethason eine sehr gute Wirkung gezeigt. „Insgesamt fehlen uns also noch wirksame Medikamente, die den gesamten Erkrankungsverlauf von Covid-19 im Blick haben“, so Ludwig. Jenny Hagedorn