Sonderveröffentlichung

„EZB wird auch künftig keine Tabus kennen“

Interview mit Prof. Hartwig Webersinke

Freitag, 15.11.2019, 06:14 Uhr

Hartwig Webersinke erwartet auch in den kommenden Jahren unverändert extrem niedrige Zinsen.
Münster. Die Lage der Weltwirtschaft ist angespannt. Über die aktuelle schwierige konjunkturelle Situation äußert sich Prof. Dr. Hartwig Webersinke, Leiter des Instituts für Vermögensverwaltung an der Technischen Hochschule Aschaffenburg, im Interview mit unserer Zeitung.

Professor Webersinke, die Aussichten für das weltweite Wirtschaftswachstum in diesem Jahr sind die schlechtesten seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09. Auch für 2020 zeigt sich der Internationale Währungsfonds (IWF) mit seinen Prognosen vorsichtig. Müssen sich Unternehmen Sorgen machen – und mit ihnen die Arbeitnehmer?

Webersinke: Das nachlassende Wachstum der Weltwirtschaft schlägt sich natürlich in den Ergebnissen der Unternehmen nieder – und damit in ihrer Bereitschaft, in die Zukunft zu investieren. Zudem gibt es erste Folgen für die Arbeitsplätze in der exportabhängigen deutschen Industrie, die schon in einer leichten Rezession steckt: Mit Continental, Linde und Siemens haben drei Unternehmen aus dem Dax angekündigt, Tausende von Stellen zu streichen. Auch Deutsche Bank und Commerzbank bauen massiv Stellen ab.

Was müsste geschehen, damit sich 2020 besser entwickelt, als der IWF glaubt?

Webersinke: Das hängt vor allem davon ab, wie sich der von US-Präsident Trump angezettelte Handelsstreit mit China und Europa entwickelt. Der Populismus in den USA und auf dem Alten Kontinent – Stichwort Brexit – hat bereits einen Teil unseres Wohlstands vernichtet. Hier gilt es gegenzusteuern! Wenn das gelingt, könnte 2020 besser laufen, als der IWF glaubt.

Für wie realistisch halten Sie das?

Webersinke: In den USA wird 2020 der nächste Präsident gewählt. Ich hoffe, dass sein Machtinstinkt Trump bewegen wird, bald einen „Deal“ mit China und Europa unter Dach und Fach zu bringen, der sein Standing bei den Wahlen verbessert und die globale Unsicherheit beendet. Allerdings: Die Wahl findet erst Ende 2020 statt. Trump könnte noch eine Weile auf Zeit spielen.

Die EZB gilt wegen ihrer jahrelangen Nullzins-Politik als Intimfeind des deutschen Sparers. Ist das gerechtfertigt?

Webersinke: Ja und nein. Dass die Zinsen so niedrig sind, hat zum einen mit der Digitalisierung zu tun, die die Inflationsrate strukturell drückt. Seit Jahren pendelt die Kerninflation – ohne Lebensmittel und Energie – um die Ein-Prozent-Marke und rechtfertigt keine hohen Zinsen. Zum anderen muss die EZB wegen ihrer massiven Käufe von Staatsanleihen die Leitzinsen auf null setzen, weil sonst die kurzen Zinsen in der größten Volkswirtschaft der EU höher wären als jene für längere Laufzeiten. Das würde der Wirtschaft noch mehr schaden.

Kommen wir zu den Anlegern: Was bedeutet die Ankündigung des scheidenden EZB-Chefs Draghi, erneut für 20 Milliarden € im Monat Anleihen zu kaufen, für die Geldanlage?

Webersinke: Dadurch wird der Kapitalmarkt noch mehr verzerrt, denn die Nachfrage der EZB treibt die Kurse und drückt die Renditen weiter. Es scheint auch unter der künftigen EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Devise zu gelten: Wir kennen keine Tabus! Tatsache ist: Seit 2012 ist die Rendite aller deutschen Anleihen gleich niedrig oder niedriger als die Inflation – teils um bis zu zwei Prozentpunkte. Betroffene Anleger haben nach Abzug der Inflation somit Geld verloren. Das ist stille Enteignung.

Was können Anleger in diesem Umfeld tun?

Webersinke: Auch wenn die aktuelle wirtschaftliche Situation etwas kritisch ist,führt an Sachwerten wie Aktien und Immobilien kein Weg vorbei. Diese Anlageklassen dürften auch in den kommenden Jahren zu den Gewinnern gehören. Sparer sollten daher einen Teil ihrer Bankeinlagen abbauen und zu Anlegern werden, die in Sachwerte investieren. Kommt es zu einer deutlicheren Rezession, ist dies für Aktien übrigens gar nicht schlecht: Da die Börse die Zukunft einpreist, sind Rezessionsjahre oft gute Jahre für Aktien – so auch 2009!
    

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