Sonderveröffentlichung

Enddarmkrebs: Kombinierte Strahlen-/Chemotherapie verbunden mit intensivierter Nachsorge

Zunehmend gute Heilungschancen auch ohne OP

Patient Bernhard Proß (l.) sowie Professor Dr. Bernhard Glasbrenner (Mitte) und Professor Dr. Matthias Brüwer freuen sich, dass der Enddarmkrebs auch ohne Operation nicht mehr nachweisbar ist. Foto: St. Franziskus-Hospital

23.02.2021

Jährlich erkranken etwa 60000 Menschen in Deutschland an Darmkrebs. Bei etwa einem Viertel der betroffenen Frauen und einem Drittel der Männer wird eine Krebserkrankung im Enddarm diagnostiziert. Hierbei handelt es sich häufig um strahlenempfindliche Tumore, die durch eine Strahlentherapie oder eine kombinierte Strahlen-Chemotherapie verkleinert werden können. So wird in vielen Fällen die Operabilität verbessert. Bei einem Teil der Patienten kommt es sogar zu einer sogenannten Komplettremission, das heißt, der Tumor ist nicht mehr nachweisbar. 

Bei einigen Patienten kann es zu einer sogenannten pathologischen Komplettremission kommen. Nach einer kombinierten Strahlen-/ Chemotherapie und einem Zeitintervall von sechs bis acht Wochen bis zur Operation kann bei diesen Patienten in der anschließenden Operation der Tumor nicht mehr nachgewiesen werden. In einer Untersuchung im St. Franziskus- Hospital Münster unter der Leitung von Professor Dr. Bernhard Glasbrenner, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie und Onkologie, war dies bei 16 Prozent der behandelten Patienten der Fall. Dieser Erfolg führt zu der Frage, ob bei bestimmten Patienten generell nach der Radio-Chemotherapie auf eine Operation verzichtet werden kann. 

So wie bei Bernhard Proß. Der 69-Jährige erhielt im Frühjahr 2018 im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung die Diagnose Enddarmkrebs und die Empfehlung, sich im zertifizierten Darmzentrum des St. Franziskus-Hospitals behandeln zu lassen. Aufgrund seiner Befunde nach der Strahlen-/Chemotherapie diskutierten die Experten in der fachübergreifenden Tumorkonferenz die Möglichkeit, bei ihm auf eine Operation zu verzichten. Nach einer ausführlichen Beratung und Abwägen der Vor- und Nachteile entschied sich der Münsteraner schließlich gegen die OP. „Das war die richtige Entscheidung. Ich habe die Strahlen-/Chemobehandlung gut vertragen, und bislang sind alle Kontrollen unauffällig. Der Krebs ist heute nicht mehr nachzuweisen“, freut sich Proß. Inzwischen finden seine Nachsorgetermine nur noch halbjährlich statt.

Besonders bei älteren Patienten mit erhöhtem Operationsrisiko zum Beispiel aufgrund von Begleiterkrankungen oder Tumoren, die direkt am Schließmuskel liegen, werde diese Vorgehensweise gewählt, erklärt Chefchirurg Professor Dr. Matthias Brüwer als Leiter des Darmzentrums. Hier werden jährlich 100 bis 120 Darmkrebs-Patienten zumeist in Schlüssellochtechnik operiert, davon bis zu 40 Prozent im Bereich des Enddarms.

Mehrere Studien beschäftigen sich mit Vorbehandlungsstrategien bei Enddarmkrebs und 2020 wurden hoffnungsvolle Ergebnisse vorgestellt: In zwei Studien wurde mit unterschiedlichen neuen Konzepten aus Strahlen- und Chemotherapie bei über einem Viertel der Patienten (28 Prozent) eine Vollremission (vollständige Beseitigung) erreicht.

Aufgrund dieser hohen Erfolgsrate werden den Patienten im St. Franziskus-Hospital in einer ausführlichen Beratung inzwischen auch intensivierte Vorbehandlungen angeboten. So kann vermutlich künftig bei noch mehr Patienten auf eine Operation zugunsten einer intensiven Nachsorgestrategie verzichtet werden kann.