Sonderveröffentlichung

Carsten Taudt über die Berufswahl in Pandemie-Zeiten

Gute Gründe für eine Ausbildung

Carsten Taudt ist Geschäftsbereichsleiter Bildung und Fachkräftesicherung der IHK Nord Westfalen. Foto: IHK

5.03.2021

Warum ist eine betriebliche Ausbildung auch für Abiturienten ein guter Start ins Berufsleben? Carsten Taudt, Geschäftsbereichsleiter Bildung und Fachkräftesicherung der IHK Nord Westfalen, gibt im Interview Antworten.

Ausbildung oder Studium – was raten Sie Schulabgängern?

Carsten Taudt: Sie sollen sich zunächst fragen: Wo liegen meine Stärken, Interessen und persönlichen Talente? Wenn das alles zu einem Ausbildungsberuf passt, rate ich auch Abiturienten zu einer Ausbildung. Wer die Berufswelt erlebt hat, dem stehen schließlich alle Wege offen. Direkt im Betrieb oder in einem anschließenden Studium.

Welche Vorteile hat eine betriebliche Ausbildung?

Taudt: Man lernt die Praxis kennen, was viele Schüler nach der langen Schulzeit besonders reizt. In einer Ausbildung bin ich schnell produktiv, habe ein Team und bekomme viel Feedback. Abgesehen davon: Auszubildende werden für ihre Arbeit entlohnt. Die Ausbildung ist auch deswegen für viele junge Menschen der erste große Schritt in die Unabhängigkeit. Letztendlich profitiert man sein gesamtes Berufsleben von einer praktischen, handfesten Ausbildung.  


»Und die Nachfrage nach Fachkräften aus der beruflichen Aus- und Weiterbildung wird weiter steigen.«

Carsten Taudt, IHK


Wie können Eltern bei der Berufswahl helfen?

Taudt: Sie sollten ihre Kinder bei der Entscheidung unterstützen und ihnen helfen, die eigenen Stärken zu finden. Das darf aber nicht so weit gehen, dass sie für den Nachwuchs entscheiden. Vielen hilft es, wenn Eltern sie bestärken, Bewerbungen abzuschicken oder zum Beispiel bei Aktionen wie „Ausbildung sucht dich“ mehrere Gespräche zu buchen.

Sie warnen immer wieder davor, bei der Berufsorientierung nur ans Studium zu denken.

Taudt: Ja. Tatsache ist schließlich, dass mehr als ein Viertel der Studierenden das Studium abbricht. Viele davon wären in einer betrieblichen Ausbildung besser gestartet.

Wie sind die Karrierechancen mit einer Ausbildung?

Taudt: Gut für die, die das wollen. Viele Betriebe besetzen Führungspositionen mit Leistungsträgern mit Aus- und Weiterbildungsabschlüssen. Gerade Abiturienten können sich da oft beweisen. Außerdem bietet die sich auf die Ausbildung aufbauende höhere Berufsbildung ein echtes Sprungbrett. Nicht umsonst ergänzen die neuen Fortbildungsordnungen den Meister oder Fachwirt um die Bezeichnung „Bachelor Professional“ und bei der Weiterbildung zum IHK-Betriebswirt um den „Master Professional“.


»In einer Ausbildung bin ich schnell produktiv, habe ein Team und bekomme viel Feedback.«

Carsten Taudt, IHK


Aber verdienen Akademiker nicht trotzdem mehr?

Taudt: Bei Großkonzernen mag das zutreffen. Aber im Mittelstand ist das anders. Hier wird nach Kompetenz und Leistung bezahlt. Laut einer Studie des Instituts für deutsche Wirtschaft entlohnt die Mehrheit der Unternehmen Fortbildungsabsolventen einer kaufmännischen Fachrichtung genau so gut wie einen Bachelor.

Wie stehen die Chancen auf einen Ausbildungsplatz?

Taudt: Sehr gut. Viele Bewerber haben sogar die Wahl zwischen mehreren Angeboten. Und die Nachfrage nach Fachkräften aus der beruflichen Aus- und Weiterbildung wird weiter steigen.

Und in welcher Branche sind die Chancen besonders gut?

Taudt: Derzeit sieht es fast überall erstaunlich gut aus. Technische Berufe bieten traditionell gute Chancen. Aber auch die IT-Branche sucht händeringend. Für die kaufmännischen Berufe gibt es zwar vergleichsweise viele Bewerber, doch auch hier bleiben immer mehr Stellen unbesetzt.

Wer hilft bei der Suche nach einem Ausbildungsplätzen?

Taudt: Zum einen die Agentur für Arbeit. Sehr viele konkrete Angebote finden sich zudem in der IHK-Lehrstellenbörse im Internet unter www.ihk-lehrstellenboerse. de. Richtig gut ist auch die ESF-geförderte Passgenaue Besetzung bei der IHK. Die berät Bewerber und vermittelt passende Ausbildungsstellen unter www.ihk-nw.de/passgenau


Eltern wichtigste Ratgeber bei der Berufswahl

Viele Ausbildungsplätze sind noch unbesetzt

Welcher Beruf ist der richtige? Ausbildung oder Studium? Wann und wie laufen die Bewerbungsverfahren? Neben Lehrern, Berufsberatern und Freunden sind Eltern immer die wichtigsten Ratgeber bei der Berufsfindung.

Das gilt erst recht in diesem Jahr. „Jetzt, wo die Schule fast vollständig ausgefallen ist, sind die Eltern noch wichtiger für die Berufsorientierung ihrer Kinder“, sagt Carsten Taudt, Bereichsleiter für Bildung und Fachkräftesicherung bei der IHK Nord Westfalen.

Die wichtigste Botschaft dabei lautet jedoch: Für 2021 sind noch sehr viele Ausbildungsplätze frei. „Trotz der besonderen Situation, halten die meisten Betriebe an ihrer Ausbildungsplanung fest“, so Taudt.

Da Ausbildungsmessen oder Praktika in der Pandemie jedoch nicht stattfinden können, suchen viele Unternehmen anstelle derer auf digitalen Wegen nach geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern für ihre angebotenen Ausbildungsplätze. Carsten Taudt: „Denn nach der aktuellen Konjunkturdelle wird der Fachkräftemangel wieder mit Wucht zutage treten.“ Die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt seien nach der Ausbildung absehbar gut.

Welche Stärken die eigenen Kinder haben und wie sie sich einen Arbeitstag vorstellen, können Eltern gemeinsam mit ihren Kindern herausfinden. Helfen können Eltern auch mit dem Hinweis, dass es nicht den einen Traumberuf gibt, sondern immer mehrere Berufe passen. Schließlich ist die Ausbildung erst der Einstieg in das Berufsleben, an den sich viele Möglichkeiten anschließen. (pm)