Sonderveröffentlichung

Im ersten Anlauf war‘s eine Zwangsehe

Schon Napoleon führte die beiden Gemeinden zusammen

Freitag, 27.09.2019, 12:49 Uhr

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Als sich Horstmar und Leer vor genau 50 Jahren zusammenschlossen, war das nicht zum ersten Mal: Schon 1808, also gute 160 Jahre vorher, legte Napoleon Bonaparte höchstselbst Stadt und Kirchspiel Horstmar mit dem Kirchspiel Leer zur neuen Mairie Horstmar zusammen.

Diese Zwangsehe hielt aber nicht lange: Nur acht Jahre später, nachdem Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen wurde, bestand das Amt Horstmar, das mittlerweile zu Preußen gehörte, wieder aus den drei eigenständigen Gemeinden Stadt Horstmar, Kirchspiel Horstmar und Kirchspiel Leer.

Der Zusammenschluss im Jahr 1969 kam dagegen nicht „von oben“, sondern auf Beschluss der Bürger: Am 23. Februar konnten die bei einer Befragung eine der beiden folgenden Fragen mit „Ja“ beantworten: „Sind Sie für einen freiwilligen Zusammenschluss der Gemeinden Leer und Stadt Horstmar?“ oder „Sind Sie für den Fortbestand der Gemeinde Leer bis zur gesetzlichen Regelung durch den Landtag?“ Abgestimmt werden konnte damals in den Gastwirtschaften Raue-Horstmann und Vissing.

502 Bürger entschieden sich dabei für Horstmar und 381 für die Selbständigkeit der Gemeinde bis zu einer von höheren Stelle verordneten Neugliederung – die möglicherweise in Richtung Burgsteinfurt gegangen wäre.

Die Leerer Ratsmitglieder folgten dem Ergebnis der Bürgerbefragung und votierten einstimmig für den Zusammenschluss mit Horstmar. So ganz einfach war die Entscheidungsfindung nicht, denn es gab jahrelange Diskussionen auf höchster Landesebene im Zuge der anstehenden kommunalen Neuordnung.

Im Gespräch war damals ein Zusammenschluss mit der Stadt Horstmar oder ein Zusammengehen mit der Großgemeinde Burgsteinfurt.

Die 13 Bürger von Leer, die damals den Gemeinderat bildeten, wollten sich das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen lassen. Sie wollten die Entscheidung nicht allein treffen und luden die Bevölkerung bereits ab 1967 zu verschiedenen Versammlungen ein. Allerdings war die Stimmung im Ort bezüglich eines Zusammenschlusses mit Horstmar recht unterschiedlich, auch im Rat gab es keine klare Mehrheit, wobei sich eine kleine Tendenz in Richtung Horstmar abzeichnete.

Gegen Burgsteinfurt sprachen für manche vor allem zwei Gründe: In Horstmar stelle man nach dem Zusammenschluss ein Drittel der Ratsmitglieder, in Burgsteinfurt wären die Leerer nur eine Minderheit. Außerdem prallten mit dem katholischen Laer und dem evangelischen Burgsteinfurt zwei Glaubensrichtungen aufeinander.

„Eine Liebesehe kann es zwischen Horstmar und Leer nicht geben, aber eine Vernunftehe. Dort kann die Liebe dann Einkehr halten. Denn eine Ehescheidung gibt es nachher nicht mehr“ formulierte Stadtdirektor Ernst Fasen.

Die Geschichte mit dem Leichenwagen

Als der Zusammenschluss feststand, lud der Stammtisch „Schluckspechte“ zum Trauermarsch ein. Und legte auf den Hinweis wert, dass die Teilnehmer traurige Mienen aufsetzen sollen.
Als der Zusammenschluss feststand, lud der Stammtisch „Schluckspechte“ zum Trauermarsch ein. Und legte auf den Hinweis wert, dass die Teilnehmer traurige Mienen aufsetzen sollen.
Insgesamt elf Nebenabsprachen wurden bei der Vertragsunterzeichnung getroffen, die zum Beispiel den Fortbestand von Schulen, Sportanlagen, Kirmes und Feuerwehr regelten.

Unter Punkt Sieben stand: „Die Gemeinde verpflichtet sich, in Leer einen Leichenwagen zu stationieren.“

Diese Nebenabrede hat sich allerdings kurze Zeit später von selbst erledigt. Heinrich Raus fuhr mit einem Pferdegespann diesen Leichenwagen.

Es war im Winter 1970, die Straßen waren glatt, das vor dem Leichenwagen angespannte Pferd fiel vor der Gaststätte Tante Toni hin und war nicht mehr zu bewegen aufzustehen. Notgedrungen sprangen die Nachbarn der Verstorbenen ein und schoben den Leichenwagen bis zum Friedhof am Nahen Weg. Fortan wurden motorisierte Leichenwagen einsetzt, die nicht in Leer stationiert waren.
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