Sonderveröffentlichung

Gast- und Pflegefamilien trotzten entspannt dem Lockdown

Länger ins WLAN statt Biken im Wald

Um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben, darf Felix derzeit länger als sonst WLAN nutzen. Symbolbild: Colourbox/E. Wodicka

15.06.2020

Mit einem gestärkten Wir-Gefühl dürfte Familie Sommer* in die Zukunft blicken. Felix* ist 15 und wohnt seit zwei Jahren bei den Sommers. Damit zählt er zu den 300 Kindern und Jugendlichen, die – begleitet von Mitarbeiter der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland – in Gast-, Pflege- und Inobhutnahmefamilien ein neues Zuhause gefunden haben. In den vergangenen Wochen erlebte Felix wie auch die anderen Heranwachsenden samt ihrer Familien eine besondere Zeit: Schulschließung, Kontaktverbote, Mundschutzpflicht und die Sorge vor dem Virus legten den bekannten Alltag lahm – und stellte auch Familie Sommer vor eine große Herausforderung. Denn sie musste die Maßnahmen der Regierung umsetzen. Und dabei berücksichtigen, dass das Bestreben des Gastkindes nach Selbstständigkeit aufgrund seiner Geschichte deutlich stärker ausfällt, als bei ihren leiblichen Kindern. Die Gedanken, die sich die Familie zu Beginn des Shutdowns gemeinsam mit ihrer Ansprechperson von JuMeGa (Junge Menschen in Gastfamilien) machten, waren vielfältig: „Ist es möglich, diesen jungen Menschen über Wochen zuhause zu halten? Wie wird das Homeschooling?“
  

Inzwischen atmen die Mitarbeiter der Jugendhilfe erleichtert auf: Denn selbst nach den Wochen der Isolation hören sie von den Sommers und vielen weiteren Pflege-, Gast- und Inobhutnahme-Familien, dass sich der Alltag ruhig gestaltet. Mit viel Geduld und Kreativität aller Beteiligten meistere man die Corona-Zeit – und nutze sie verstärkt für gemeinsame Aktivitäten.
  


»Ich hätte nie gedacht, dass es mal so weit kommt. Aber ich vermisse die Schule!«

Felix*, Pflegekind
  


So läuft Felix nun jeden Abend mit seinem Gastvater am Kanal, anstatt mit Freunden im Wald zu biken. Dies macht er, um seinen Bewegungsdrang zu kompensieren und sich auszutauschen. Manchmal schließen sich weitere Familienmitglieder an. Und die Zeit, die er ins WLAN darf, ist großzügig verlängert worden, damit er mit Freunden chatten kann. Regelmäßig erkundigt sich die zuständige Beraterin, wie es der Familie und Felix geht. Im letzten Videocall sagte dieser: „Hätte ich nie gedacht, dass es mal so weit kommt. Aber ich vermisse die Schule!“  


Länger ins WLAN statt Biken im Wald Image 2

»Viel mehr Zeit ganz bewusst für Familie und Freunde zu haben – das ist unfassbar wertvoll.«

Helge Hinsenkamp, Journalist aus Steinfurt
  


Felix‘ leibliche Mutter wohnt eine Stunde von seinem neuen Wohnort entfernt. Seit er ausgezogen ist, verstehen sie sich deutlich besser. Mit dem Jugendamt fand man einen guten neuen Ort für den Jugendlichen. Normalerweise kommt Felix zweimal im Monat zu Besuch, doch seit Corona müssen beide darauf verzichten. „Ich mache mir Sorgen, wie sich mein Sohn in der Gastfamilie verhält,“ äußerte sich Felix‘ Mutter zu Beginn der Kontaktsperre.

Mittlerweile ist klar: Die Sorgen sind unbegründet.

(*Namen von der Redaktion geändert)

Corona-ABC

W wie WELTRAUM: Wer meint, Corona hat was mit Science-Fiction zu tun, wird im „Corona Magazine“ fündig. Fans fantastischer Literatur lesen darin Rezensionen und Kolumnen zu Star Trek, Star Wars und Co.. Das Corona Magazine erscheint aktuell alle zwei Monate. Bei dem Magazin handelt es sich um ein traditionsreiches und nicht-kommerzielles Projekt, das im Jahr 1997 gegründet wurde.