Sonderveröffentlichung

Psychische Gesundheit in Pandemie-Zeiten

Mit Winter- oder Corona-Blues zum Arzt

Wenn aus einem „Winter- beziehungsweise Corona-Blues“ eine schwerwiegendere Depression wird, muss diese Erkrankung zeitnah fachärztlich beurteilt und behandelt werden, sagt Professor Dr. Patricia Ohrmann, Foto: LWL-Klinik Münster

17.11.2020

Bereits im Sommer zeigte sich, dass die familiären, beruflichen und sozialen Auswirkungen der Pandemie zu einer ausgeprägten psychischen Belastung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen führen. So ergab die Corona- und Psyche-Studie (COPSY) des Universitätsklinikums Eppendorf, Hamburg, dass die Herausforderungen der Pandemie Lebensqualität und psychisches Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen verringern und das Risiko für psychische Symptome erhöhen.

Die jetzige zweite Welle wird diese negativen Auswirkungen verstärken, dazu kommen die dunklen Herbst- und Wintermonate, die das Depressionsrisiko erhöhen. Viele Menschen haben seit dem Frühjahr deutlich reduzierte soziale Kontakte, was insbesondere diejenigen betrifft, die bereits vor der Pandemie Schwierigkeiten hatten, ein soziales Netzwerk aufrechtzuerhalten. Aktuell werden erneut soziale und tagestrukturierende Angebote aufgrund der Hygienebedingungen weiter reduziert werden müssen, das öffentliche Leben steht eventuell vor einem zweiten „Shut-down“. Dazu kommen finanzielle Sorgen, die Angst vor Ansteckung, oder auch das „Aufeinander-Hocken“ zu Hause während des Lockdowns – viele Menschen fühlen sich erschöpft, angespannt oder gereizt.

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Daher ist es ganz wichtig, jetzt schon aktiv, möglichst gemeinsam mit Familie und Freunden, zu überlegen, wie man die nächsten Wochen und Monate gestalten kann, um psychisch und physisch stabil durch den Winter zu kommen. Dabei helfen alle Maßnahmen, von denen wir schon lange wissen, dass sie sich positiv auf unser psychisches Befinden auswirken und so Depressionen vorbeugen können. Dazu gehören körperliche Aktivität in jeglicher Form, bewusste Entspannungsphasen, auch einmal Abschalten von der Beschäftigung mit dem Corona-Virus, möglichst viel Tageslicht, aktives Pflegen von Kontakten, vielleicht auch Engagement für Andere oder etwas Neues ausprobieren.

Gleichzeitig ist es ganz wichtig, frühzeitig zu merken, wenn aus einer Erschöpfung oder einem „Winter- beziehungsweise Corona-Blues“ eine schwerwiegendere Depression wird. Diese muss zeitnah fachärztlich beurteilt und behandelt werden. Deshalb ist es gut zu wissen, wo und wie man Hilfe bekommen kann. Neben Hausärzten, Fachärzten und Fachkliniken bietet unter anderem das Deutsche Bündnis gegen Depressionen Informationen und Kontaktdaten zum Thema Depression online an (Internet-Adresse siehe Kasten). So gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich erst einmal telefonisch beraten zu lassen. Nicht nur in Pandemie-Zeiten ist es wichtig, zu merken und zu erkennen, dass man nicht allein ist und dass es richtig ist, Hilfe zu suchen. So kann aus Krisenzeiten auch Neues und Positives hervorgehen, dies haben die letzten Monate, zum Beispiel durch die Entwicklungen der Nachbarschaftshilfen (https://www.coronaport.net), einmal mehr unter Beweis gestellt.

Professor Dr. Patricia
Ohrmann, LWL-Klinik
Münster

Online-Hilfe

Weitere Informationen bekommt man im Internet unter der Adresse www.deutsche-depressionshilfe.de.

Fünf wertvolle Tipps

Die Corona-Krise mit Ausgangsbeschränkungen und deren Folgen können Menschen mit psychischen Erkrankungen massiv belasten. Iris Hauth ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Sie rät Betroffenen in dieser Situation:

■ Richtig informieren: Ganz ohne Nachrichten geht es nicht, gerade heute. Die Flut von teils beängstigenden Neuigkeiten und immer neuen Zahlen kann die Anspannung aber noch vergrößern, warnt Hauth. Ihr Tipp: Nachrichten nicht ständig verfolgen, sondern zum Beispiel nur einmal am Tag.

■ Den Alltag bewahren: Morgens aufstehen, duschen, anziehen – das muss im Homeoffice vielleicht nicht sein, ist aber weiter sinnvoll. Dazu ist es sinnvoll, Alltagsrituale bewusst positiv zu erleben: das gemeinsame Essen mit der Familie oder die Gelegenheit, in Ruhe den Kleiderschrank aufzuräumen. So geht man abends mit dem guten Gefühl ins Bett, sich sinnvoll beschäftigt zu haben.

■ Platz für Positives: Schöne Musik oder Lieblingsfilme können jetzt eine große Hilfe sein. Sport hilft beim Abbau von Anspannung, im Idealfall und bei entsprechendem Wetter vielleicht sogar am offenen Fenster oder auf dem Balkon.

■ In Kontakt bleiben: Besuche bei Freunden sind jetzt gerade nicht möglich, Kontakt kann man aber trotzdem halten – per Videochat oder ganz klassisch per Telefon. So vermittelt man sich gegenseitig: Du bist nicht allein.

■ Nicht verdrängen: Die Krise ist ernst und betrifft alle. Das lässt sich nicht verdrängen, und das sollte man auch nicht tun. Und wenn einem dennoch alles zu viel wird, sollte man sich auch nicht scheuen, professionelle Hilfe zu holen. (dpa)