Sonderveröffentlichung

Wann ist der Winter-Blues eine Depression?

Ohne Antrieb

Schon aufstehen? Dass man manchmal nur schwer aus dem Bett kommt, ist ganz normal. Wird die Antriebslosigkeit zum Dauerzustand, brauchen Betroffene eventuell Hilfe. Foto: dpa

17.11.2020

Der Wecker klingelt, aufstehen! Doch gerade im Winter fehlt manchmal der Antrieb, das kuschelig-warme Bett zu verlassen. Draußen ist es noch dunkel, der Wind pfeift ums Haus, der Regen prasselt gegen die Scheiben. Und selbst wer sich mühsam aus dem Bett quält, findet vielleicht trotzdem nie ganz heraus aus der Antriebslosigkeit. Ist das harmlos oder gefährlich?

„Das kommt darauf an», sagt Iris Hauth, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Ein vorübergehender Winter-Blues, der kurzzeitig auftritt und im Alltag kaum stört, kann noch völlig harmlos sein.

Ursache für die eher schlechte Laune im Winter ist oft ein Mangel an Tageslicht, der den Hormonhaushalt durcheinanderbringt. „Weniger Tageslicht führt zu einer höheren Ausschüttung des Hormons Melatonin, das müde macht“, erläutert Hauth.


»Während der hellen Stunden bildet der Körper das Glückshormon Serotonin, das den Körper aktiviert und die Stimmung hebt.«

Iris Hauth, Vorstand DGPPN


So ein Tief hat fast jeder schon einmal erlebt. Wenn es in mindestens zwei aufeinander folgenden Jahren jeweils in der kalten Jahreszeit auftritt und danach vorbei ist, sprechen Experten von SAD. Die Abkürzung steht für „Seasonal Affective Disorder“, übersetzt also eine saisonale Störung der Stimmungslage – die Winter-Depression.

Betroffene sind in der akuten Phase nicht nur antriebslos, sie können zum Beispiel auch ständig gereizt sein. „Neben einem höheren Schlafbedürfnis kommt es oft zu Heißhunger-Attacken“, sagt Professor Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe.

Egal, ob Winter-Blues oder Winter-Depression: Helfen kann es, wenn Betroffene tagsüber eine halbe Stunde spazieren gehen. „Während der hellen Stunden bildet der Körper das Glückshormon Serotonin, das den Körper aktiviert und die Stimmung hebt“, erläutert Iris Hauth.

Wenn all das nichts hilft und das Tief länger als zwei Wochen anhält, sollten sich Betroffene professionelle Hilfe suchen. Womöglich sind die Beschwerden Indizien für eine behandlungsbedürftige Depression.

Über das deutschlandweite Info-Telefon Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe können sich Betroffene wie Angehörige kostenlos informieren. „Wichtig ist zu klären, ob die Verstimmung tatsächlich saisonal bedingt ist oder ob dahinter möglicherweise berufliche oder private Probleme stecken könnten“, so Hauth. „Für das Vorliegen einer Depression spricht, wenn der Patient beispielsweise von Schuldgefühlen und Hoffnungs- wie Freudlosigkeit geplagt ist und unter tiefer Erschöpfung und Gewichtsverlust leidet“, erklärt Hegerl.

Helfen kann in solchen Fällen die Einnahme von Antidepressiva. „Sie machen im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht süchtig“, stellt Hegerl klar. Generell ist ihre Wirksamkeit aber gut belegt. Allerdings ist manchmal mehr als ein Versuch nötig, bis eine Medikation gefunden ist, die der Einzelne gut verträgt und die gut wirkt. (dpa)