Sonderveröffentlichung

Rund ums Auto
Ohne Übelkeit im Auto

Mit Technik gegen Reisekrankheit

Samstag, 16.11.2019, 09:49 Uhr

Ohne Wanken und Schwanken: Hersteller versuchen, die Fahrwerke so abzustimmen, dass auch empfindliche Passagiere nicht reisekrank werden. Foto: dpa
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Für einige wird ein Ausflug im Auto schnell zur Tortur – sie werden reisekrank, und ihnen wird übel. Moderne Technik soll das künftig verhindern. Generell tritt Unwohlsein im Auto auf, wenn die Informationen, die vom Gleichgewichtsorgan kommen, nicht mit den visuellen Informationen des Auges übereinstimmen. Im Auto kann das etwa passieren, wenn Passagiere während der Fahrt lesen.  

„Der Körper spürt etwas anderes, als das Auge sieht“, sagt Professor Daniel Strauss von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. „Das kann er nicht einordnen und reagiert wie bei einer Vergiftung: mit Übelkeit, Brechreiz, kaltem Schweiß und schnellem Puls.“ Ausschlaggebend sei dafür die Anatomie des Innenohrs.  

Ein bis zwei Drittel aller Menschen kann die Reisekrankheit treffen. Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren seien anfälliger als Erwachsene. Die Reisekrankheit sei nur leicht von der Geschwindigkeit abhängig, sagt Professor Hubertus Axer von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Einen größeren Einfluss haben abrupte Richtungsänderungen, wie sie auf bergigen Strecken auftreten. Wer Mitfahrer im Auto hat, denen schnell übel wird, sollte diese Strecken meiden.

Das Gehirn von häufig betroffenen Kindern könne trainiert werden, auf kurzen und wenig kurvenreichen Strecken. „Dadurch tritt die Krankheit auf Dauer weniger stark auf“, sagt Professor Axer. Er rät, den Blick aus dem Fenster nach vorne zu richten.

Für Professor Ludger Dragon von Mercedes-Benz liegt eine Stellschraube in der Fahrwerkseinstellung. Die Reisekrankheit tritt häufig bei niedrigen Fahrwerkseigenfrequenzen von etwa 0,3 Hertz auf. „Daher stellen wir die Eigenfrequenz all unserer Fahrwerke zwischen 1 und 1,5 Hertz ein. Damit vermeiden wir im Vorfeld, dass die Insassen reisekrank werden“, sagt der Experte.

Bei 1 Hertz Eigenfrequenz federe das Auto sehr komfortabel ab, bei 1,5 Hertz sportlich straff. „Die Dämpfung muss dementsprechend hart abgestimmt werden, damit das Fahrzeug nicht nachschaukelt, das empfinden Passagiere sonst als unangenehm“, sagt Dragon. Selbst nach tiefen Wellen darf das Fahrzeug nur einmal nachschaukeln.

„Früher im Schulbus musste man sich nach vorne setzen, wenn einem schwindelig wurde. Das wollen wir anders lösen“, sagt ZF-Ingenieur Florian Dauth. Die Ingenieure forschen zum einen an der Prävention. Zum anderen soll das automatisierte Fahrzeug eigenständig Gegenmaßnahmen einleiten.

Es muss dafür eine bestimmte Fahrweise lernen. Lenkung, Bremse, Motor, Feder und Dämpfer werden während der Fahrt entsprechend dem Wohlbefinden des Passagiers aufeinander abgestimmt.

Dauth denkt ein paar Jahre voraus, in eine Zeit, in der Autos autonom fahren und Passagiere sich anderen Dingen wie Lesen, Arbeiten oder Fernsehschauen widmen können. „Neue Systeme mit künstlicher Intelligenz sollen vergangene Fahrmanöver analysieren, die beim Passagier Symptome der Reisekrankheit hervorgerufen haben, um die darauffolgenden Fahrmanöver anzupassen.“ Das automatisierte Fahrzeug erlerne anhand der Körperreaktionen der Passagiere eine individuell angepasste Fahrstrategie. „Oder es plant automatisch eine Route mit Fahrmanövern und Geschwindigkeiten, bei der die Reisekrankheit gar nicht erst auftritt“, sagt er. (dpa)
  
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