Sonderveröffentlichung

Herausforderung und Chance zum Aufbruch für die Kirche

„Re-Start“ ?


27.03.2021

Wie geht es nach Corona weiter? Für Kreisdechant Dr. Jochen Reidegeld steht vor dem Ende der anhaltenden Pandemie fest: Ein Re-Start kann nicht die Wiederbelebung alles Bisherigen bedeuten. Dr. Stefan Nacke, Soziologe und CDU-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, schaute durchaus selbstkritisch auf das vergangene Frühjahr zurück: „Wir mussten schnell handeln, unser Gesundheitssystem drohte zu kollabieren.“ Aus heutiger Sicht sei dabei ein wenig zu abrupt alles geschlossen worden, erklärte der Politiker mit Blick auf das Besuchsverbot in den Alteneinrichtungen und Krankenhäusern. Er unterstrich so die Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, „am Ende der Pandemie werden wir uns vieles verzeihen müssen“.
      

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Positives in der Pandemie-Situation zu entdecken, dazu rät Diplom-Psychologe und Leiter der Diakonie-Beratungsstelle in Steinfurt. Man müsse lernen, Unterstützung zu suchen und anzunehmen. Die Corona-Pandemie werde auch das Leben in den Pfarreien verändern, davon ist Dr. Marius Stelzer, Pastoraltheologe im Bistum Münster, überzeugt: „Wir sind raus aus unserer Komfortzone und müssen uns neu auf den Weg machen.“ (sf)
       

Drei Fragen an . . .

Dr. Jochen Reidegeld . Foto: pbm / Gudrun Niewöhner
Dr. Jochen Reidegeld . Foto: pbm / Gudrun Niewöhner

Dr. Jochen Reidegeld ist seit Januar 2020 leitender Pfarrer der Pfarrei St. Nikomedes in Steinfurt sowie Kreisdechant des Steinfurter Kreisdekanates. Vorher war er stellvertretender Generalvikar des Bistums Münster und Hauptabteilungsleiter im Bischöflichen Generalvikariat. Aber er wollte raus aus der Verwaltung, um wieder näher bei den Menschen in der Gemeinde zu sein.

Corona als Herausforderung – in welcher Hinsicht ist die Herausforderung am größten?

Dr. Jochen Reidegeld: Für die Menschen besteht, meiner Wahrnehmung nach, die größte Herausforderung in der notwendigen Distanz und dem Fehlen sozialer Kontakte. Ich glaube, viele von uns merken jetzt erst, wie wertvoll genau diese sind. Vielleicht haben wir die Freundschaft und die Nähe von Menschen bisher als zu selbstverständlich erachtet – und lernen sie neu schätzen. Als besonders belastend erlebe ich die Einsamkeit der Kranken und das Leid von Angehörigen, die manchmal nicht zu ihren Angehörigen auf die Intensivstationen gehen können. Für uns als Seelsorgerinnen und Seelsorger besteht die Herausforderung darin, dass die pastorale Arbeit Nähe erfordert, die Pandemie aber Distanz. Auch die wirtschaftliche Unsicherheit ist eine große Last für viele Menschen. Niemand kann die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abschätzen.

Corona als Chance zum Aufbruch – Aufbruch für wen und wohin?

Reidegeld: Ja, das ist für uns als Gemeinwesen eine Chance zum Aufbruch. Das bedeutet nicht, die Pandemie und ihre Folgen schönzureden. Sie bleibt schlimm und erzeugt viel Leid. Dennoch glaube ich, dass wir unsere Gesellschaft wieder mehr als Gemeinwesen entdecken können. Unsere Gesellschaft ist kein Servicedienstleister, sondern sie kann nur dann ein Raum für ein gutes Leben für alle sein, wenn wir uns einbringen. Die Solidarität, die während dieser Pandemie oftmals neu entdeckt wurde, sollten wir im gesellschaftlichen Dialog weiter verstärken.

Gibt Corona Ihnen sogar Hoffnung – kann die katholische Kirche vielleicht sogar durch die Pandemie gestärkt werden?

Reidegeld: Wer glaubt, dass nach dem Motto „Not lehrt beten“ die Menschen wieder in die Kirchen strömen, der täuscht sich. Wir haben als Institution viel Vertrauen verspielt. Aber die Hoffnungsbotschaft der Bibel kann in dieser Zeit auch für Menschen ein Trost und eine Bereicherung sein. Sie in den Vordergrund zu stellen und mit Menschen ins Gespräch darüber zu kommen, was ihnen Hoffnung gibt, ist gerade jetzt unser Auftrag. Und als Pfarrei können wir sicher nicht einfach nur zu dem zurückkehren, was wir vor der Pandemie gemacht haben. Es haben sich neue Wege gezeigt, wie wir Menschen auf andere Weise erreichen können, etwa durch die Plakatkampagne, den Adventsgarten oder die digitalen Medien. Es zeigt sich auch, worauf es in Zukunft vor allem ankommt, nämlich auf Begegnungen mehr als auf Programme. (sf)