Sonderveröffentlichung

Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx gibt Antworten

So sieht die Welt nach Corona aus

Durch die Corona-Krise setzen sich alte Rollenbilder in der Aufgabenverteilung wieder durch. Hier bedarf es laut Kompetenzzentrum Frau & Beruf Münsterland Konzepte, um Frauen zu entlasten. Foto: Colourbox.com

16.06.2020

Man kann es sich derzeit kaum vorstellen. Aber: Irgendwann wird es wieder ein Leben ohne Maske, Abstandsregeln und Infektionsschutzgesetz geben. Doch dieses Leben wird ganz anders aussehen als das bisher bekannte. Davon geht zumindest der renommierte Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx aus: „Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.“ Die Welt „as we know it“ löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir laut Horx zumindest erahnen können. 
    

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Für seine Aussagen macht der in Düsseldorf geborene Trendforscher keine Prognosen, sondern Regnosen. Dazu versetzt er sich gedanklich in ein Straßencafé der Zukunft und blickt sich um. Das Bild, das er dann sieht, macht ihm bewusst, wie wir die Welt sehen. „Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und danach entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen“, erklärt Matthias Horx.

Er ist sich sicher, dass wir uns später wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zur Vereinsamung führten. „Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten sich viele sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam.“ Der Umgang der Menschen untereinander wird demnach zukünftig ein anderer sein. Paradoxerweise erzeuge die körperliche Distanz, die das Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn und Freunde sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst. „Scheinbar veraltete Kulturtechniken erlebten eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln, man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit, der Verbindlichkeit“, so Horx´ Beobachtung. Menschen, die vorher vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge, Bücher lesen wurde wieder Kult. Kulturtechniken des Digitalen haben sich schnell in der Praxis bewährt. Tele- und Videokonferenzen sowie Homeoffice stellten sich durchaus als praktikabel und produktiv heraus. Die Digitalisierung, auch in den Schulen, wurde vorangetrieben.
   

Matthias Horx Foto: Horx.de
Matthias Horx Foto: Horx.de

Aber: „Wir haben auch erfahren, nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die viel gepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt“, so die Überzeugung des Trendforschers. Damit habe sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel. Der große Technik-Hype sei vorbei, so Horx: „Wir richten unsere Aufmerksamkeit wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?“ Von Jenny Hagedorn

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.