Sonderveröffentlichung

Sprachentwicklung im Kleinkindalter

Sprache wächst Kindern zu – und was tun, wenn nicht?

Sprache wächst Kindern zu – und was tun, wenn nicht?


12.05.2020

Wie so oft wird mir in der Arbeit als Logopädin bewusst, dass die Entwicklung von Kommunikation und Sprache in den ersten zarten Lebensjahren ein ganz wunderbarer und einmaliger Prozess ist, der uns Menschen innewohnt“, so die Erfahrung von Andra Bach.

Glücklicherweise haben wir „Großen“ in der Regel unseren eigenen Werdegang im Alter von ein bis vier Jahren als normalen Teil unseres Lebens erleben dürfen, ergänzt sie. Die Erinnerung an so manche Hürden und Holpersteine der frühen Kindheit sind verblasst. Robben, Krabbeln, Greifen, Brabbeln, Lallen, Lüllen, Aufstützen, Abrutschen, Hinfallen, Lachen, Weinen, „Alles in den Mund stecken“, Runterwerfen, Aufheben, Matschen, Schmieren und Ausprobieren – sich freuen über einen Ball, eine Muschel oder Kastanie oder einen herrlichen farbigen kuscheligen Reiz in Form eines Schmusetieres – das alles ist schon Sprachentwicklung. Wir fangen also früh an.

Die Erwachsenen, die in den 80er oder 90er Jahren geboren und jetzt aktuell selber Eltern sind, müssten einmal ihre Eltern befragen, wie es eigentlich mit der eigenen frühen Sprache war. All das Schöne, Bunte, Laute, Neue, Liebevolle und auch Irritierende der frühen Kindheit schlummert in uns – nicht mehr bewusst, aber es ist doch da. Sonst wären wir nicht das, was wir sind. Man könnte doch tatsächlich mal die eigenen Eltern befragen. Oftmals sagen unsere mittlerweile „älteren Eltern“ so etwas wie „Ach, du warst so lieb“ oder „Du hast viel im Kinderzimmer gebaut“, „Du wolltest einen Regenwurm essen“ oder „Ach, das weiß ich nicht mehr. Plötzlich warst du groß und konntest sprechen.“ Die erste Verständigung war dabei so süß. Das Repertoire reicht von „mamamamam“ und „babababa“ und quietschenden, entzückenden, mit Lachen vermischten Lauten bis hin zum emotionalen und auch wütenden Schimpfen. Diese Nuancen an intentionaler Stimmfärbung lassen sich beobachten und sind auch extrem gesund.

Auch heute geht es vielen Eltern so, die die frühen Jahre ihres Kindes vom ersten Jahr bis zum Kindergartenalter wie im Flug erleben. Kaum ist das Kind dem Krabbelalter entsprungen, wird schon die Frage nach einem zukünftigen Kindergartenplatz erörtert und das familiäre Leben bewegt sich in neuen Bahnen. So schnell vergeht die Zeit. In genau dieser sensiblen Zeit macht die Sprachentwicklung einen großen Sprung. Eigentlich kann man sagen, dass das kleine zarte Gehirn und Sprachzentrum des Babys mit dem ersten Atemzug beginnt. Vom ersten Augenblick an startet, das Baby erste versuche, Sprache zu erforschen, zu verarbeiten und zu erlauschen.

Wir Menschen haben die einzigartige Fähigkeit, in einem sensiblen Zeitfenster von etwa ein bis vier Jahren diese intrinsischen Anlagen zu erlernen – ganz gleich, um welche Sprache es sich handelt. Der Mensch braucht eine Form von Sprache. Unsere Sinne sind wie kleine Antennen und Sensoren darauf ausgerichtet, die Reize unserer Umwelt wie Geräusche, Berührungen, Bilder, verschiedene Geschmäcker und Gerüche. miteinander zu verknüpfen. All das ist bereits Sprachentwicklung!

Bildlich gesprochen ist die sich entwickelnde Kindersprache das „Sahnehäubchen“ folgender Entwicklungsbereiche: Sensorik als Oberbegriff für all unsere Sinne und deren Verknüpfungsnetze, Motorik, Emotionalität, Interaktion, Soziabilität und Psychologie. Das gelingt allerdings nicht ganz von alleine: Kinder brauchen uns Erwachsene, um all diese Erfahrungen auch erleben zu können. Gelegentlich es sogar zu empfehlen, die Hilfe von Fachkräften wie Logopäden in Anspruch zu nehmen. Wenn sich Eltern nicht sicher sind, ob die Sprachentwicklung ihres Kindes der Norm entspricht, sollte dies beim Kinderarzt abgeklärt werden. Auch bei Verdacht auf Hörbeeinträchtigung sollte eine detaillierte Diagnostik des Phoniaters und Pädaudiologen erstellt werden. „Scheuen Sie sich nicht, Fragestellungen und Beobachtungen rund um das Bewegen und Lautieren des Kindes mit ihrem Arzt zu besprechen. Kinderärzte, Fachärzte, Therapeuten, Erzieherinnen und auch später Lehrer brauchen zur Einschätzung der Gesamtsituation die Beobachtungsgabe der Eltern. Ohne sie funktioniert auch keine logopädische Therapie“, so Bach. Die Zusammenarbeit von Logopädin und Eltern begleitet das Kind durch den therapeutischen Prozess. Hausaufgaben mit ausgewählten Inhalten dienen als Vor- und Nachbereitung logopädischer Sitzungen. Je nach Altersstufe und Sprachstand des Kindes werden Übungen zur Mundmotorik, auditiver Differenzierung, ausgewählten weiteren sensorischen Bereichen, Wortschatzarbeit und Anbahnung physiologischer Grammatik angeboten und erarbeitet. Therapieansatz und Methodik ergeben sich aus der Diagnose von Kinderarzt, HNO-Arzt, Phoniater, Pädaudiologe, Kieferorthopäde und auch Kinderneurologe. Kinder mit Aussprachestörung kommen zum Logopäden – meist im Alter von drei bis etwa sieben Jahren. Ältere Kinder kommen in der Regel später mit Verdacht auf zentrale Hörstörungen und Problemen im Leselernprozess. Zahnspangenkinder erlernen beim Logopäden die richtige Zungenruhelage und das Ausheilen des weichen, kindlichen Schluckens. Redeflussstörungen werden ebenfalls logopädisch behandelt. Auch nach einem schweren Autounfall oder gar einer Tumoroperation bekommen Kinder bei Bedarf eine logopädische Behandlung. Auf der Basis eines eigentlich ganz normal vollzogenen Spracherwerbs werden grundlegende Funktionen (post-OP) des Sprechens, der Sprache, der Stimme und des Schluckens neu angebahnt.

So vielschichtig gestaltet sich das Aufgabenfeld der Logopädie und Sprachtherapie. Gesunde Sprache ist ein Schatz – eingebettet in offenherzige und kreative Strukturen – der es Wert ist, gepflegt, geschützt und gefördert zu werden. Gerade im frühsten Kindesalter werden wichtige Weichen für den Spracherwerb gestellt.