Sonderveröffentlichung

Familiäre Häufungen durch genetische und nicht-genetische Faktoren

Vererbtes Risiko

Beim Verdacht auf ein erhöhtes Risiko ist eine fundierte und fachübergreifende Beratung der erste Schritt: Das wissen auch Professor Emile Rijcken und Dr. Ulrike Siebers-Renelt vom UKM. Foto: UKM/Deiters-Keul

23.02.2021

Wenn Darmkrebs bei jüngeren Menschen oder bei mehreren Mitgliedern einer Familie auftritt, liegt der Verdacht nah, dass eine wesentliche Ursache dafür im Erbgut liegen könnte. Wer um sein erhöhtes Risiko weiß, kann dieses Wissen nutzen und an einem intensivierten Vorsorgeprogramm teilnehmen. Im Interview informieren Dr. Ulrike Siebers-Renelt, Oberärztin am Institut für Humangenetik des UKM (Universitätsklinikum Münster), und Professor Emile Rijcken, leitender Oberarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie und Leiter des UKM-Darmzentrums, über Indikationen für einen Gentest, Behandlungsmöglichkeiten und die Bedeutung einer ausführlichen und fachübergreifenden Beratung in einem gut funktionierenden Netzwerk.

Wie entsteht Darmkrebs?

Professor Emile Rijcken: Bösartige Tumoren im Darm sind sehr häufig. Rund 60000 Menschen in Deutschland erkranken jährlich neu. Meistens tritt Darmkrebs als Einzelfall in einer Familie auf. Es gibt aber auch genetisch (mit-)bedingten Darmkrebs. Daran denken wir, wenn zum Beispiel mehrere Familienmitglieder Darmkrebs oder auch andere Krebsarten bekommen oder ein Familienmitglied bereits vor dem 50. Lebensjahr erkrankt ist. Familiäre Häufungen von Darmkrebserkrankungen können durch eine Kombination von verschiedenen genetischen und nicht-genetischen Faktoren entstehen, wofür es bisher noch keine gezielte Blutuntersuchung gibt. Anders ist das bei den erblichen Formen.

Dr. Ulrike Siebers-Renelt: Dazu gehören zum Beispiel das sogenannte hereditäre kolorektale Karzinom ohne Polyposis (HNPCC) – auch als Lynch-Syndrom bekannt – und die familiäre adenomatöse Polyposis (FAP). Durch einen Gentest kann hier bei vielen Patienten eine krankheitsursächliche Genveränderung (Mutation) nachgewiesen werden. Familienangehörige können sich dann in spezialisierten Zentren beraten und testen lassen. Für die Angehörigen, die die Mutation tragen, wird ein erweitertes Vorsorgeprogramm mit früherem Beginn sowie häufigeren und umfangreicheren Untersuchungen empfohlen. Wer die familiäre Mutation nicht trägt, hat kein höheres Erkrankungsrisiko als die Allgemeinbevölkerung und kann die normale Vorsorge in Anspruch nehmen.

Wie sind die Heilungschancen?

Professor Emile Rijcken: Das Besondere bei Darmkrebs ist, dass er gut heilbar ist, wenn er rechtzeitig erkannt wird. Daher sind regelmäßige und frühzeitige Darmspiegelungen bei einem höheren Erkrankungsrisiko besonders wichtig. Auffällige Darmpolypen und Tumoren lassen sich zumeist gut operativ entfernen, zum Teil bereits endoskopisch. Da kommen bei uns im Darmzentrum fortschrittliche robotische und minimal-invasive Operationsverfahren zum Einsatz. Ist das Krebsrisiko wie bei der FAP besonders hoch, kann eine präventive Entfernung des Dickdarms unter Erhalt der Kontinenz erfolgen. Neben der onkologischen Sicherheit ist natürlich auch die post-operative Funktion von besonderer Bedeutung, denn die Lebensqualität soll größtmöglich erhalten bleiben.

Wann ist eine genetische Testung sinnvoll?

Dr. Ulrike Siebers-Renelt: Es sollte nicht einfach nach dem Gießkannenprinzip getestet werden, sondern nur dann, wenn ein medizinischer Verdacht vorliegt. Bestätigt der sich, gilt: Je genauer wir wissen, womit wir es zu tun haben, umso besser lassen sich Entscheidungen zum weiteren Vorgehen treffen. Natürlich stellt dieses Wissen aber zugleich auch eine Belastung für die Betroffenen und ihre Angehörigen dar, daher spielt die psychologische Unterstützung bei der fachübergreifenden Beratung eine besondere Rolle. Wir sind hier in Münster ein klinisches Zentrum des „Deutschen Konsortiums Familiärer Darmkrebs“ und Teil des WTZ (Westdeutsches Tumorzentrum) Konsortiums, das aktuell als Onkologisches Spitzenzentrum durch die Deutsche Krebshilfe anerkannt wurde und gefördert wird. Gerade bei den seltenen genetisch bedingten Krebserkrankungen ist eine gute Vernetzung der verschiedenen Spezialisten mit Niedergelassenen, Patientenverbänden und Wissenschaftlern notwendig, um die uns anvertrauten Patienten und ihre Familien bestmöglich zu betreuen. (pm)


„Darmkrebs und Depression“

Ratgeber klärt auf

Tumoren im Darm zählen zu den häufigsten Krebserkrankungen.

Sie treten größtenteils im fortgeschrittenen Alter ab 50 Jahren auf, können aber prinzipiell in jeder Altersgruppe entstehen. Krebserkrankungen des unteren Verdauungstraktes können in den meisten Fällen geheilt werden. Je früher die Tumoren erkannt werden, desto höher die Heilungschance. Aber selbst wenn die Therapien immer besser werden, folgen nach einer Diagnose oftmals Verunsicherung und Hilflosigkeit. Deshalb ist es ratsam, frühzeitig professionelle psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Trotz guter Heilungschancen stellen sich Betroffene nach einer Krebsdiagnose viele Fragen: Welche Behandlungen stehen an? Mit welchen körperlichen Problemen muss ich rechnen? Wie wird sich mein Alltag verändern? Wie jeder Einzelne mit dieser Ausnahmesituation umgeht, lässt sich kaum vorhersehen. Deshalb ist es wichtig, wenn sich die Betroffenen nicht nur medizinisch, sondern auch psychologisch gut betreut wissen. (pm)
  

Kostenlose Broschüre

Die kostenlose Broschüre „Darmkrebs und Depression“ vom Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz – Info Gesundheit e.V. (BGV) gibt einen Überblick über Behandlungsmöglichkeiten des Darmkrebstumors sowie damit einhergehender depressiver Erkrankungen. Sie erläutert zudem die Bedeutung der Darmkrebsfrüherkennung sowie sonstiger präventiver Maßnahmen.

Bestelladresse: BGV, Heilsbachstraße 32 in 53123 Bonn
www.bgv-depression.de