Sonderveröffentlichung

Sprechstunde Rücken
Verkannter Rückenschmerz

Hexenschuss, Bandscheiben und das Piriformis-Syndrom

Dienstag, 12.03.2019, 12:19 Uhr

Typischer ausstrahlender Schmerz (rot) mit Schmerzregion und Triggerpunkten (hellgrün) des Piriformis-Muskels. Foto ©: Müller-Ehrenberg
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St. Josef-Stift Sendenhorst
Stechende Schmerzen, die in den Rücken, das Gesäß und in das Bein ausstrahlen: Die meisten Menschen erfahren in ihrem Leben mindestens eine Episode dieser Beschwerden, die oft mit den Diagnosen Bandscheibenvorfall, Lumboischialgie, Ischiasreizung oder Arthrose bezeichnet werden. Dieser nicht nur lokale Schmerz wird oft als „Nervenschmerz“ wahrgenommen, und sollte unbedingt medizinisch abgeklärt und behandelt werden, da eine (radikuläre) Einengung der Nervenwurzel bestehen könnte.

Was ist zu tun? Das Aufsuchen eines Arztes, der unabhängig von einer OP-Indikation, den Patienten gründlich orthopädisch und neurologisch untersucht, ist notwendig. Etwa 80 Prozent dieser Beschwerden werden trotz umfangreicher Diagnostik als unspezifisch beschrieben, da keine genaue Ursache festgestellt werden kann. Zur Verwirrung in der Diagnostik trägt zusätzlich bei, dass Bandscheibenvorfälle in 30 bis 70 Prozent der beschwerdefreien Bevölkerung zu finden sind. Umso wichtiger ist die körperliche Untersuchung mit Reflex- Testung, Prüfung der Muskelkraft und Sensibilität und auch der Palpation (Abtasten) der Muskeln und Faszien (myofaszial), deren Triggerpunkte häufig ausstrahlende Schmerzen in das Gesäß und Bein verursachen können. Eine bildgebende Untersuchung (Röntgen, MRT) ist nach aktueller Leitlinie in der Regel nicht erforderlich. Eine Nervenkompression ist selten (circa fünf Prozent), und eine Operation ist selbst dann nur in wenigen Fällen nötig.

Diagnostik und Therapie des M. piriformis mit tiefen fokussierten Stoßwellen. Foto ©: Müller-Ehrenberg
Diagnostik und Therapie des M. piriformis mit tiefen fokussierten Stoßwellen. Foto ©: Müller-Ehrenberg
Das Musculus-Piriformis-Syndrom: Das in den letzten Jahren immer häufiger diagnostizierte Piriformis-Syndrom stellt eine Besonderheit dar, weil der beteiligte Muskel in unmittelbarer Nähe zum Ischias-Nerv verläuft und diesen einengen kann.

„Doppelter Teufel“ des Rücken- und Gesäßschmerzes

Der Piriformis-Muskel, der tief unter den kräftigen Gesäßmuskeln vom Kreuzbein zum Oberschenkel verläuft, kann einerseits, wie andere Muskeln auch, durch Triggerpunkte einen typischen Rücken- und vor allem Beckenschmerz verursachen, andererseits auch durch Verkürzung und Verdickung auf den Ischiasnerv drücken. Diese Kompression führt dann entsprechend zu einer „Ischiasreizung“, die auch einen ausstrahlendem Schmerz verursacht. Deshalb wird der Piriformis- Muskel auch als „doppelter Teufel“ (englisch double devil) bezeichnet.

Der Muskel ist aufgrund der Anatomie schwierig zu untersuchen. Die tiefe Palpation in Kombination mit spezifischen Dehntests liefert aber gute diagnostische Hinweise.

Was hilft? Entgegen der Meinung, dass der Patient sofort aktiv werden sollte, steht mittlerweile die Auffassung der Experten im Vordergrund, den Schmerz in der ersten Phase mit Schonung und Medikamenten zu kontrollieren, um eine frühe Chronifizierung (Stichwort: „Schmerzgedächtnis“) zu vermeiden. Bewegungen sollten in den ersten Tagen möglichst wenig Schmerz bereiten und Aktivitäten langsam bis hin zu gezielten Übungen gesteigert werden.

Zuerst Schmerz und Muskeltonus senken

Schmerzmittel sind anfangs oft erforderlich und können im Verlauf reduziert und später abgesetzt werden. Die ersten Maßnahmen zielen vor allem auf eine Reduktion des Schmerzes und Muskeltonus ab.

Therapeutisch muss vor allem die Spannung des Piriformis- Muskels gesenkt werden, um einerseits den myofaszialen Schmerz und die Triggerpunkte zu entlasten, und andererseits den möglichen Druck auf den Ischiasnerv zu reduzieren. Dieses kann durch eine gezielte krankengymnastische und ärztliche Triggerpunkt-Therapie erreicht werden. Die Injektion oder Nadelung des Musculus piriformis ist wegen des nahen Ischiasnervs nur eingeschränkt möglich.

Das sicherlich eleganteste Verfahren ist die Lösung der myofaszialen Triggerpunkte und der Muskelspannung durch fokussierte Stoßwellen (ESWT), da ohne eine Verletzung durch alle Gewebeschichten auch in der Tiefe der M. piriformis exakt behandelt wird. Sehr hilfreich für die Diagnostik und die exakte Therapie ist hierbei auch die Rückmeldung des Patienten, der bei exakter ESWT seinen Schmerz wiedererkennt. Dr Hannes Müller-Ehren

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