Sonderveröffentlichung

Studie zeigt: Schlaf und längere Bettzeit können depressive Symptome verschlechtern

Verkürzen der Bettzeit oft hilfreich

Verkriechen sich Personen, die unter Depressionen leiden, im Bett, kann dies die Krankheit noch verschlimmern Foto: dpa

17.11.2020

Eine neue Analyse von Längsschnitt-Daten, die von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zusammen mit IT-Partnern erhoben worden sind, zeigt wie eng der Zusammenhang zwischen Schlaf und Stimmung ist. Im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Pilotprojektes dokumentierten 22 an Depression erkrankte Studienteilnehmer mithilfe einer App ihre Bett- und Schlafzeiten sowie ihre depressiven Symptome. Dabei zeigt sich: Bei elf dieser Patienten geht in statistisch signifikanter Weise eine längere Bett- oder Schlafzeit mit einer Verschlechterung der Depression einher. Wobei bei sechs von ihnen eine vorhergehende längere Bettzeit zu mehr depressiven Symptomen führt und diese damit möglicherweise sogar verursacht werden. „Wenn Betroffene bei sich den Zusammenhang zwischen Depression und Bettzeit verstehen, können in Rücksprache mit dem Behandler daraus ganz individuelle Therapieempfehlungen abgeleitet werden. Beobachtet ein Patient beispielsweise, dass er sich nach längeren Bett- oder Schlafzeiten noch erschöpfter fühlt, kann eine Verkürzung der Bettzeit auf circa acht Stunden sinnvoll sein“, erläutert Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Aktuell arbeitet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe an einer App, die Patienten zur Dokumentation des Schlafverhaltens und der Stimmung zur Verfügung gestellt werden kann. Die App soll 2021 kostenfrei zugänglich sein.

Depressiv Erkrankte fühlen sich immer erschöpft und haben eine große Sehnsucht nach erholsamem Schlaf. Bei einigen wirkt der Schlaf jedoch depressionsverstärkend. Schlafreduktion kann dann eine antidepressive Wirkung haben. Der zugrundeliegende Mechanismus kann gut am Beispiel von übermüdeten Kindern verdeutlicht werden: Müde Kinder werden plötzlich überaktiv und sind voller Energie. Der Körper braucht eigentlich Schlaf. Dem steuert das müde Kind jedoch entgegen, indem es eine reizintensive Umgebung schafft, die das Einschlafen verhindert. In einer ruhigen Umgebung, zum Beispiel im Schulunterricht, neigt der Organismus zum Einschlafen und steuert gegen, indem er – ähnlich wie bei den übermüdeten Kindern – durch Hyperaktivität und Ablenkbarkeit eine reizintensive Umwelt schafft.

Depression ist das Gegenteil: Depressive Menschen sind häufig von einer chronisch erhöhten Wachheit betroffen. Sie fühlen sich dauerhaft angespannt wie vor einer Prüfung, können nicht entspannen und kommen trotz Müdigkeit nur schwer zur Ruhe. Betroffene steuern gegen, indem sie sich zurückziehen und alle weiteren äußeren Reize wie zum Beispiel soziale Kontakte oder laute Musik vermeiden. Sie neigen dazu, früher ins Bett zu gehen, morgens länger liegen zu bleiben und sich tagsüber hinzulegen – immer in der Hoffnung, zu entspannen und wieder zu Kräften zu kommen. Allerdings beginnt ein Teufelskreis: Denn Schlaf führt bei vielen Betroffenen zu einer Zunahme der Depression, da nach dem Schlaf die Wachheit gestärkt und die Anspannung besonders hoch ist. Bei vielen Betroffenen sind deshalb morgens die Symptome am stärksten. (pm)

Schlafentzug wirkt antidepressiv
    

Schlafentzug ist eine etablierte Behandlungsform der Depression, die in vielen Kliniken angeboten wird. Patienten bleiben eine ganze Nacht oder die zweite Nachthälfte wach und sollen auch den nächsten Tag über nicht schlafen. Die Mehrheit der Patienten erlebt dabei, dass sich in den frühen Morgenstunden die Stimmung plötzlich aufhellt und die oft seit Monaten bestehende Erschöpfung und auch die Hoffnungslosigkeit abklingen. Dieser Effekt hält jedoch nur bis zum nächsten Schlaf an. „Der Schlafentzug zeigt den Erkrankten, dass die Depression durchbrochen werden kann und vermittelt dadurch wieder Hoffnung“, erläutert Hegerl.


Was man selbst zuhause tun kann
    

Patienten können bei sich beobachten, wie Bettzeit und Depressivität zusammenhängen. Dazu sollten sie täglich in einer Tabelle notieren, wie lange sie im Bett lagen (null bis zehn Stunden) und wie die Stimmung beziehungsweise der Antrieb am nächsten Tag waren (von null bis zehn). „Für Patienten ist es hilfreich zu merken, dass die Stimmung meist schlechter ist, wenn sie länger im Bett bleiben. Sie können mit dem Arzt klären, ob es sinnvoll wäre, trotz Erschöpfungsgefühl später ins Bett zu gehen und morgens zeitiger aufzustehen und die Bettzeit auf circa acht Stunden zu begrenzen“, empfiehlt Professor Ulrich Hegerl.