Sonderveröffentlichung

Viele Stellen bleiben unbesetzt

Betriebe und Jugendliche finden oft nicht zueinander

Montag, 30.09.2019, 12:36 Uhr

58 000 Ausbildungsplätze blieben im vergangenen Jahr deutschlandweit unbesetzt. Bei einem Drittel der Stellen gab es keinen einzigen Bewerber für diesen Ausbildungsberuf. Das trifft Branchen wie das Lebensmittelhandwerk oder die Gastronomie. Fotos: dpa
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Die Zahl der Ausbildungsanfänger ist in den vergangenen Jahren wieder gestiegen, dennoch finden Ausbildungsbetriebe und Jugendliche häufig nicht zueinander. Das ist das Ergebnis des „Ländermonitors berufliche Bildung 2019“. Demnach suchten 2018 bundesweit 79 000 Jugendliche erfolglos eine Lehrstelle, obwohl die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze 58 000 erreichte.

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Die Forscher sprechen von einem Passungsproblem und sehen mehrere, regional unterschiedliche Gründe. Für 44 Prozent der unbesetzten Stellen gibt es zwar interessierte Jugendliche. Aber die Betriebe halten die Bewerber für ungeeignet. Anders herum finden auch die Jugendlichen nicht jeden Betrieb mit offener Stelle attraktiv. Bei einem Drittel der unbesetzten Stellen gibt es keinen einzigen Bewerber für diesen Ausbildungsberuf. Das trifft Branchen wie das Lebensmittelhandwerk oder die Gastronomie. Bei knapp einem Viertel ist fehlende Mobilität das Problem.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) glaubt nicht, dass die Höhe der Ausbildungsvergütung ein Hauptgrund dafür ist, dass Betriebe und Jugendliche oft nicht zusammenfinden. „Sie ist selten entscheidend bei der Wahl eines Ausbildungsberufs“, so Karliczek. „Aufstiegsmöglichkeiten, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen und Ansehen sind ebenfalls wichtig. Daher sind vor allem die betroffenen Branchen und Betriebe gefragt, den jungen Leuten attraktive Angebote zu machen.“

In der Gesamtsicht hat sich die Situation auf dem Ausbildungsmarkt im Zehn-Jahres-Vergleich verbessert. 2009 kamen bundesweit im Schnitt auf 100 Bewerber knapp 89 Stellen, heute sind es fast 97. Allerdings verdeckt diese Statistik die großen regionalen Unterschiede. Regionen mit einem Überhang an Ausbildungsstellen gibt es vor allem im Süden. In Passau in Bayern kommen auf 100 Bewerber 129 offene Stellen. In Hagen in Nordrhein-Westfalen sind es dagegen nur 80.

"Das deutsche Ausbildungssystem ist ein Zugpferd für die wirtschaftliche Entwicklung."

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung

In Gebieten mit einem Mangel an Ausbildungsstellen haben es laut Studie besonders Hauptschüler und ausländische Jugendliche schwer. 2017 fanden nur 37 Prozent von ihnen direkt nach dem Abschluss einen dualen Ausbildungsplatz, 10 Prozent gingen weiter zur Schule. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) begannen eine Maßnahme im sogenannten Übergangssektor, in dem die Schüler auf den Beruf vorbereitet werden und die Allgemeinbildung verbessert wird.

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Schlechte Karten bei der Ausbildungssuche haben ausländische Staatsbürger. Nur 44 Prozent von ihnen fanden 2017 direkt eine Stelle, während die Quote bei den deutschen Jugendlichen bei 77 Prozent liegt.

„Das deutsche Ausbildungssystem ist ein Zugpferd für die wirtschaftliche Entwicklung. Erfreulicherweise werden wieder mehr Ausbildungsplätze angeboten, doch zu viele davon bleiben unbesetzt“, beklagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. (dpa)

Coesfeld vorne

In Nordrhein-Westfalen fehlen Ausbildungsplätze, obwohl zugleich viele Stellen von Betrieben nicht besetzt werden können. Zwar ist die Zahl der unvermittelten Jugendlichen von 25 932 im Jahr 2009 auf 21 960 im vergangenen Jahr gesunken. Gleichzeitig aber vervierfachte sich bis 2018 die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen auf 9591. Laut Studie gibt es in NRW 91,2 Stellen für 100 Bewerber. Im Bundesvergleich (96,6 zu 100) hinkt Nordrhein-Westfalen hinterher. Die Wissenschaftler verweisen aber auf die großen regionalen Unterschiede. Die beste Ausbildungssituation meldet demnach Coesfeld mit einen Angebots-Nachfrage-Verhältnis von 99 zu 100, Schlusslichter in NRW mit 82 und 79,9 sind Oberhausen und Hagen.

Bei Jobwahl nicht von Ängsten leiten lassen

Automatisierung: Die Roboter kommen?
Der sogenannte Jobfuturomat des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagt voraus, welche Berufe in Zukunft wahrscheinlich von Computern oder Robotern erledigt werden.

Das interaktive Tool versucht die Automatisierbarkeit – die Forschung spricht hier vom Substituierbarkeitspotenzial – von insgesamt knapp 4000 Berufen zu ermitteln. Es geht um den Anteil an Tätigkeiten, die theoretisch schon heute von Computern ausgeführt werden könnten.

Als Berufsberatungsinstrument eignet sich die Software aber nicht, findet Andrea Hammermann vom Institut der deutschen Wirtschaft.

In einem Interview mit dem Informationsdienst des Instituts erklärt sie, dass solche Vorhersagen eher Ängste schüren würden und Trends suggerieren, die ihr Institut so nicht sieht. Wichtiger sei es bei der Berufsorientierung nach eigenen Interessen und Vorlieben zu entscheiden. Arbeit solle Spaß machen, so die Expertin. (dpa)

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